Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1873 (Band XX.)

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mit eigenen Augen, wie zürn Prüfen und Weiterforsehen den Muth und die Kraft 
erwecken! 
Ein Universitätsgebäude, was ist das anders, als d as sti 11 e Heiligt hu in, 
wo die berufenen Vertreter der Wissenschaft auf den verschiedensten Gebieten der 
Erkenntniss zu dem Einen grossen Zwecke zusammen wirken, den durch die Arbeit 
der Jahrhunderte gewonnenen Erkenntnissschatz der Menschheit durch die vollkommne- 
ren Erkenntnissmittel der Gegenwart gelichtet, bereichert, und so erst völliger gesichert 
z um lebendigen Eigenthum eines Geschlechts zu machen, das ihnen dazu den höchsten 
Grad seiner Empfänglichkeit in der Geistesfrische einer von reinem Wahrheitssinn und 
Wahrheitsdrang erfüllten academischen Jugend entgegen bringt. 
Wohl ist die deutsche Universität in der Einheit ihrer 4 Facultäten auch 
ganz darauf angelegt, der Gesellschaft tüchtige Organe heranzubilden, denen sie die 
Pflege des religiös-sittlichen Lebens, die Erziehung und Bildung des heranwachsenden 
Geschlechts, die Herstellung der Gesundheit, die Aufrechthaltung des Rechts und der 
Ordnung, die Leitung der auf immer vollere Naturbeherrschung gerichteten Thätigkeiten 
anvertrauen kann. Aber will sie in diesen Organen nicht todte Werkzeuge in fremder 
Hand, sondern lebendige Kräfte haben, so sage sie uns nur, wie die Universität ihr 
die schaffen soll, wenn nicht ihr unverrückliches Ziel das rein ideale der immer 
volleren Wahrheitserkenntniss, und wenn nicht ihr Weg zu diesem Ziel der allein 
würdige und freie der vollen Wahrhaftigkeit bleibt. Nur so gewinnt die Gesellschaft 
Organe, in denen sich ein für ihren Wirkungskreis fein gebildetes Gewissen 
mit strenger Gewissenhaftigkeit paart, und somit das zusammen findet, worauf 
allein man bauen kann, und niemals vergebens baut. 
Darum danken wir Dir, o Herr unser Gott, für Alles, wodurch Du in patrio 
tischen Herzen nah und fern den ersten Gedanken zu dem heute beginnenden Neubau 
geweckt, für alles Licht und alle Kraft, allen Muth und alle Ausdauer, die Du ihnen 
zur Verwirklichung desselben verliehen hast, und bitten Dich, Du wollest ihren edlen, 
opferwilligen und unermüdlichen Eifer mit dem ganzen Erfolge krönen, dessen er 
Werth ist! 
O Du alleiniger, ewiger Lenker unserer Geschicke, bleib bei uns mit Deiner 
Gnade! Lass sie ruhen auf unserem ganzen Vaterlande, dass es gross und stark durch 
Oich und in Dir, in allen ihm noch beschiedenen inneren und äusseren Kämpfen 
den Sieg behalte, und wachse in Allein, was Dir und der Menschheit zur Ehre gereicht. 
Schütze und segne das tlieure, verehrungswürdige Haupt unseres grossen staatlichen 
Gemeinwesens, und mit ihm den seiner würdigen Sohn, auf dem unsere Zukunft 
ruht, und mit ihm Alle, deren Herz und Sinn Du auf das Eine, was Noth ist, ge 
richtet hast, dass unser Vaterland in allen seinen Gebieten immer schöner und voller 
das Bild der ächten, Dir wohlgefälligen Menschheit wiedergebe. Und da 
diesem heiligen Zweck auch unsere Hochschule dient, so erhalte ihr alle
	        

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