Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1873 (Band XX.)

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das Leben, das nur dem Gebote des Herzens gehorchen soll, und überspannte Ein 
bildungen von dem Werte und der Macht der Persönlichkeit werfen wunderliche 
Blasen in einer Menge Individuen sehr bedenklicher Natur. Jene Jahre sind reich an 
abenteuerlichen Gestalten, die vollen Glauben für Lug und Trug fanden, weil die 
menschliche Persönlichkeit schrankenlos geworden schien. 
Klinger hat ausgesprochen dass der Mangel an Raum für gesunde Thätigkeit 
zu jenen Traumerscheinungen drängte. Der gewaltige Umschwung der wissenschaft 
lichen Ideen hatte ein neues Weltbild geschaffen und dem Menschen die grosse Auf 
gabe überwiesen, es zu erkennen und zu gewinnen. Wie fern aber stund die Wirk 
lichkeit dem Ideal! wie eng waren die bürgerlichen Verhältnisse, wie gebrechlich 
und faul die politischen Zustände! 
Das deutsche Reich war ein Schattenbild; in den zahllosen Einzelstaten regierte 
der absolute Souverain, und ihre Unbeschränktheit fasten die meisten Fürsten als das 
Recht zur launischen Willkür. Patriotismus lebte nur in dem grossen Oesterreich und 
in dem aufstrebenden Preussen, dessen strenger Herrscher sein Königthum als pflichten 
reiches Amt ansah. Wie wenige der Statenlenker folgten ihm darin! 
Wol brachen politische Ideen in der Litteratur hervor. Trefiiche Männer 
behandelten mit Herzensantheil statliche Fragen und strebten das Volk dafür zu 
interessiren, suchten auch auf Besserung gesellschaftlicher Schäden zu wirken — ich 
nenne nur Moser, Iselin, Schlözer, Möser, Schlosser. Aber die Massen blieben in 
dumpfer Gleichgültigkeit, und die jungen Brauseköpfe thaten sich genug in nebelhaftem, 
bald verschwundenem Tyrannenhasse. 
Wie ein fernes Gewitter rollte über dem Weltmeer die Erhebung der eng 
lischen Colonien in Amerika, — kaum ahnen konnte man, welch furchtbarer Sturm 
in kurzem über den Westen und die Mitte Europas rasen sollte! — 
Hundert Jahre sind seit der Zeit, von der ich sprach, verronnen. An die 
Stelle selbstischen Befehls ist nach schweren Kämpfen das Gesetz, die Verfassung 
getreten. Die Karte Europas ward mehr als einmal durch Eisen und Blut umgezeichnet, 
die Völker der Welt haben ihre Machtverhältnisse gewechselt. 
Das deutsche Reich, das tot lag, dessen auferstehn wir erharrten, aber zu 
schauen nicht hofften, steht aufgerichtet in Wehr und Waffen. Die kühnsten Wünsche 
sind durch kühnere Thaten überholt, die Wirklichkeit liegt vor uns irn vollen 
Sonnenschein. 
Aber die Wirklichkeit ist ohne den dichterischen .Schleier, welcher die Gegen 
stände verschönt; das wirkliche ist gut, jedoch nüchtern. Und wer möchte läugncn. 
dass ein nüchterner Realismus aus dem Gesicht unsrer Zeit schaut? 
Wir sind mächtig, wir gelten für reich, wir leuchten als Vorbilder in Künsten 
des Krieges und Friedens selbst denen, die uns Barbaren schelten. Das belächelte 
Volk der Träumer ist das beneidete und gehasste Volk des grossen Erfolges geworden.
	        

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