Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1873 (Band XX.)

S °J1 die Persönlichkeit die grösten Kräfte haben; durch kinderartiges glauben und 
fordern, durch höchste Empfindung soll dem Menschen bei und über Gott alles 
möglich sein. Im Anfang ergriff die zuschauenden diese Intuition des himmlischen 
Menschen, wie Herder es nannte, tief. Allein bald trat in Lavater die allen alles sein 
wollende Eitelkeit, die Auflösung der Religion in genusssüchtige Schwärmerei, ein 
abenteuerliches Prophetenthum unverhüllt heraus. Seine Empfindung und Phantasie ent 
liefen völlig der Zuchtfrau Vernunft. Das Gemisch von Grösse und Kleinheit, von 
Wahrheit und Trug, das von Anfang in ihm war, erhielt immer bedenklichere Verhält 
nisse. Lavater wird durchaus eine krankhafte Erscheinung, aber er vertritt dennoch 
die Kraftgenialität, welche in der Religion zu wirken strebt. 
In dem vierten Versuch der physiognomischen Fragmente hat Lavater das 
Vesen des Genies erklärt. Aus der langen Rede hebe ich folgendes aus: „Genie, das 
allererkennbarste und unbeschreiblichste Ding, fühlbar wo es ist und unaussprechlich 
Wie die Liebe. Der Character des Genies und alle Werke und Wirkungen des Genies 
lst -Apparition — Engelserscheinung. Genie — propior deus oder nenn es, beschreib 
c ' s wie du willst und kannst — allemal bleibt das gewiss, das ungelernte, unentlehnte, 
Unlernbare, unentlehnbare, innig eigenthümliche, unnachahmliche, göttliche ist Genie, 
das inspirationsmässige ist Genie. — Unsterblich ist alles Werk des Genies wie der 
bunke Gottes, aus dem es fliesst. Unnachahrnlichkeit ist der Character des Genies 
Ur >d seiner Werke, wie aller Werke und Wirkungen Gottes; Unnachahrnlichkeit, 
Mornentaneität, Offenbarung, Erscheinung, Gegebenheit, was wol geahnet aber nicht 
gewollt, nicht begehrt werden kann, oder was man hat im Augenblick des wollens und 
begehrens ohne zu wissen wie, was gegeben wird nicht von Menschen, sondern von 
G°tt oder — vom Satan!“ 
Aus Klang und Inhalt dieser Worte spricht die des höchsten sich vermessende, 
auf Natur und Inspiration trotzende Art der Schwarmgeister jener Litteraturepoche. 
Je ferner sie dem wirklich unnachahmlichen, dem gottbegeisteten und menschlich 
Wahren blieben, um so kecker und eitler prahlten sie damit. Der „die unbemerktesten 
Sichtbarkeiten, die innigsten Unsichtbarkeiten ohne Ton und Manier“ wirklich hatte 
Ur ‘d hinstellte, Goethe, rühmte sich seiner Gaben am wenigsten. 
Aber alle jene Aeusserungen der Zeit, die ich mehr andeuten als ausführen 
konnte, hangen zusammen mit dem unruhigen streben aus der engen Persönlichkeit 
Un d aus der alten Cultur. Wie bei der Kunde von einem neuen Goldlande die 
Bewohner armer Länder ein krankhafter Trieb nach den gefundenen Schätzen fasst, 
8 o machte der Jugend vor hundert Jahren das entdeckte neue Reich der Seele das 
Haus voll Urväterhausrat zu eng, und neues fühlend, denkend und fordernd trachtete 
sie nach dem Gewinn des neuen Lebensideals. Schwärmerisch fliessen die Selen 
zusammen, ein hastiger Freundschaftsenthusiasmus, ein weiches Licbesbedürfniss geht 
wie eine Krankheit durch die Gesellschaft. Man stellt die grösten Forderungen an
	        

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