Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1873 (Band XX.)

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Dichten und philosopliiren dieses merkwürdigen Mannes wurzelt durchaus in 
der Personalität. Reales und ideales kann er sieh nur persönlich vorstellen; das 
endliche Ich wird entlehnt von dem unendlichen Ich. Nicht Demonstration, sondern 
Empfindung vermittelt der Vernunft das unendliche; die Vernunft selbst ist Instinct, 
Subjectivität des , Gefühls. Dasein enthüllen ist Jacobi philosopliiren, und Dasein 
enthüllen auch der Zweck seiner philosophischen Romane, des Allwill und des 
Woldemar. Sie stehn zu Goethes Werther in Beziehung, insofern auch sie das Leben 
des genialen Menschen zur Aufgabe nehmen. Starke Gefühle, lebhafte Beweauno-en, 
Leidenschaften sind die Lebensessenz, leiden und geniessen die Bestimmung des 
Menschen. Indem er der Forderung der innewohnenden Natur folgt und jede Fähig 
keit und Kraft entwickelt, strebt der Mensch in freier Wahl zur Freiheit und Freude. 
Wie es ein Kunstgenie gibt, so gibt es auch ein sittliches Genie, das für das mensch 
liche Verhalten das Gesetz schafft. Die Tugend ist eine freie Kunst. 
J >as sind durchaus die Gedanken der neuen Zeit, nur formulirt und von einem 
Manne vorgetragen, der sie schulgerecht zu entwickeln verstund, und der zugleich 
über eine sinnlich und geistig schöne Sprache gebot wie ausser ihm nur Goethe. 
Durch die doininirende Stellung der Persönlichkeit in seinem System erscheint 
Jacobi gradezu als Philosoph der Genialen. Geistreich und scharf vertheidigt er 
das Recht der freien Individualität. Aber er bleibt dabei einseitig, und diess scheidet 
ihn von Goethe, der die Ergänzung und Versöhnung durch die Natur fand. Anderer 
seits trennt ihn, der ein Bedürfhiss nach Glauben und Offenbarung in sich trug, sein 
Satz von der vollen Freiheit der Persönlichkeit in Religion und Sittlichkeit von den 
religiösen Genies, die wir nicht vergessen dürfen. 
Der bedeutendste der genialen Gläubigen war Hamann. Er gehört der neuen 
Zeit an durch die Stellung, die er dem in sich concentrirten Individuum gab, durch 
die Forderung des ursprünglichen und persönlichen, aber scheidet sich von ihr, indem 
er die Thätigkeit der ganzen Individualität dem religiösen zuweist. Alle Erkenntniss 
entspringt ihm aus Offenbarung und Glauben, und er gibt seine originellen, tiefsinnigen, 
oft aber zusammenhangslosen und mit unnützem Lesewust belasteten Gedanken mit 
dem Ton und im Gefühl des frommen Sehers Sein Kreis wird bald eine Sammlung 
streitbarer Gegner der neuen Bildung; an ihn lehnt sich die Reaction gegen die Auf 
klärung des 18. Jahrhunderts. 
Hamann ist ein Vorläufer der Geniezeit; mitten in ihren Wogen schwimmt 
Lavater. In seinen besten Jahren war er nicht bloss die Bewunderung einer 
dumpfen frommen Menge, sondern genoss auch die Verehrung verständiger Köpfe 
und war mit Herder und Goethe nahe befreundet. Solches wirkte die Fülle seines 
Gefühls und die Glut seiner Liebe zur Menschheit. Waren doch auch seine physiogno- 
mischen Studien zur Beförderung der Menschcnkenntniss und der Menschenliebe 
bestimmt! Er wendet die genialen Grundlehren auf das religiöse an. Auch hier
	        

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