Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1873 (Band XX.)

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Eine abgesonderte Stellung behauptet der Thüringer Heinse. Durch Riedel 
und Wieland ward er zuerst in falsches Griechenthum eingeführt, aber er befreite 
sich hiervon durch eifriges Studium der hellenischen Philosophen und durch verständ 
nisvolle Anschauung der antiken und modernen Kunstwerke. Auch er schwärmt für 
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Rousseau und bewundert Goethen. Die Schönheit des Menschen und der Natur, 
Musik, Malerei, Bildnerei durchglühen seine hitzige Einbildung; er besitzt tüchtige 
Fähigkeit der Darstellung, aber es ist ihm nicht gegeben, etwas aus der Fülle zu 
thun und je ein ganzes von wahrhafter lebendiger Schönheit zu schaffen. Er ver 
wechselte Ueppigkeit mit Schönheit, Frechheit mit Freiheit, seine Sele war nur im 
Rlute, wie Fritz Jacobi von ihm urtheilte. Heinse vertritt den Enthusiasmus für den 
Reiz von Klane und Farbe, noch mehr aber das durstende Verlangen nach freiem 
schwelgen der Sinne. Er zeigt ferner stark entwickelt die socialpolitische Idee, die 
er aus Plato und Rousseau in seine Phantasieen aufnahm. Schon im dritten Dialoge, 
dann in der Laidion, am stärksten im Ardinghello enthüllt er seine Träume von 
Güter- und Körpergemeinschaft. Reichbegabt, ein Kenner mehr als einer Kunst, ein 
meisterlicher Schilderer der Menschen- und Landschaftsreize, überwindet er nicht die 
Gährung; auch er verkommt an der Zerfahrenheit der Kraft, der die meisten genialen 
zum Opfer fallen. 
Seitwärts von den rheinischen Genies wie Heinse, aber anders geartet steht 
jener kleine Kreis junger Göttinger Dichter, der mit dem Namen des Haines oder 
des Bundes sich selbst bezeichnete. Durch ihren Ausgang theils von der eorrecten 
Schule theils von Klopstock gehören sie im wesentlichen der älteren Periode an; 
dennoch nähert ihre Jugend sie auf Zeit wenigstens dem neuen Geschlechte, und 
einer von ihnen, der Schwabe Job. Martin Miller solte sogar durch seinen Siegwart 
(1776) auf die Stimmung grosser Massen unglaublich wirken. Siegwart gilt gewöhnlich 
für einen Nachläufer Werthers, aber mit Unrecht, denn er ist nur ein Familienroman 
jener weinerlich moralischen Gattung, die sich bei den Nachahmern Richardsons und 
Fieldings bildete. 
Die süssliche Empfindsamkeit und das thränenreiehe schmachten der tugend- 
samen Schwabenkinder dieser Klostergeschichte hat nichts von der kräftigen Genialität, 
nichts von den geistigen Gluten Werthers, nichts von Young und Sterne. Der 
unendliche Erfolg des Siegwart gehört aber zur Zeichnung der Zeit, weil er die 
allgemeine Gemütsspannung bekundet. Das Gefühl war in allen Kreisen in zuckender 
Bewesrurm. das Herz forderte Leidenschaft oder wenigstens Leiden, in denen es sich 
bespiegeln konnte; geräuschvolle Entwickelung der Subjectivität erschien als würdiges 
Schauspiel. Das empfindsame Mädchen, der leidenschaftliche Jüngling, der philosophi- 
r ende Mann trieben einen Cultus, den des Herzen. Friedrich Heinrich Jacobi 
zeigt uns die Wirkung dieser Zeit in dem Kreise der Denker.
	        

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