Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1873 (Band XX.)

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sind Zerrbilder, und doch besizt er grosses Talent und Einsicht in ästhetische Fragen. 
Aber es fehlt ihm der moralisch-ästhetische Sinn, der auch einem derbbegabten 
Genossen, Heinrich Leopold Wagner, völlig abgieng. 
Aus ganz anderem Stoffe ist Klinger gegossen, eine kraftvolle, ernste Mannes 
gestalt. Rousseau begeistert den Jüngling und zeigt ihm den schmerzlichen Widerspruch 
von Ideal und Wirklichkeit. Die Anfangsworte des Emil: „alles kommt gut aus den 
Händen des Schöpfers und alles entartet unter den Händen der Menschen“ sind der 
Grundton seiner Lebensansicht und das Thema seiner Werke. Mit grosser Energie 
tritt Klinger auf den Ringplatz der Genies und wählt zunächst nach dem Zeitgeschmack 
die dramatische Form für die Gemälde seiner Phantasie, die er selbst kaum zehn 
Jahre später als Explosionen des jugendlichen Geistes und Unmutes bezeichnete, als 
Trau mbildungen der nach Thätigkeit und Bestimmung strebenden Jugendkraft. Weil 
die wirkliche Welt der gährenden Entwickelung seines Wesens keinen Raum gab, 
warf er sich in die vorgestellte, und da es ihm noch an Erfahrung, Bildung, Umgang, 
Kampf als den Heilmitteln überspannter Ideale gebrach, erzeugte er jene wilden 
Producte, welche mit ihrer rohen Form, den unnatürlichen Karacteren, den wüsten 
Scenen merkwürdige Denkmale des Zustandes der stürmend drängenden deutschen 
Jugend vor hundert Jahren bleiben. Die grelle Dissonanz tiefen Schmerzes über die 
unvollkommene Wirklichkeit tönt aber nicht bloss durch diese Schauspiele Klingers, 
sondern auch durch die Arbeiten seiner reifen Zeit, durch jene planvoll angelegte 
Romanreihe, die er zur Darstellung seiner gewonnenen Denkungsart über die natür 
lichen und erkünstelten Verhältnisse des Menschen, über sein ganzes moralisches 
Dasein bestimmte. Aus ihnen solten Gesellschaft, Regierung, Religion, Wissenschaft, hoher 
idealischer Sinn, die süssen Träume einer andern Welt, die schimmernde Hofnung 
auf ein reineres Dasein in ihrem Werte und Unwerte, in ihrer richtigen Anwendung 
und ihrem Missbrauche hervortreten. So vollzieht Klinger die Wendung auf sittlich 
lehrhafte Ziele; die milde Schönheit harmonischer Kunst bleibt ihm auch jezt versagt. 
Eine dritte Gestalt des jungen rheinischen Kreises ist Friedrich Müller 
von Kreuznach, oder der Maler Müller wie er sich selbst benannte. Durch Volks 
lieder und Volksbücher als Knabe genährt, gab er seinen biblischen und launischen 
Idyllen einen derben deutschen Beigeschmack. Zu freierer Benutzung dieses nationalen 
Elements arbeitete er sich in den pfälzischen Geschichten und manchem Liede heraus. 
Auch sein bedeutendstes Werk, das Schauspiel Golo und Genovefa, ist von eigen- 
thümlich volksthümlichem und romantischem Dufte durchzogen, aber beweist zugleich, 
dass auch diesem Originalgenie nicht bloss die tiefere schöpferische Kraft, sondern 
auch das Bewustsein von der reinigenden Aufgabe aller wahren Kunst fehlte. Hin 
werfen und andeuten hielt Müller in Poesie und Malerei für allein genial, und entzog 
sich damit der läuternden Zucht des vertiefenden Fleisses, ohne welche keiner zum 
ganzen und grossen aufsteigt.
	        

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