Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1873 (Band XX.)

11 
»lichterische Aufgaben: die Fragmente des Mahomed, des ewigen Juden zeugen dafür, 
' v 'ie er sie namentlich in der religiösen Entwickelung der Menschheit suchte. 
Und bald reizt ihn, der von Buffon und Herder gelernt hatte, die Beschäftigung 
mit der Urbedingung des menschlichen Lebens, mit der Natur. Von der Natur- 
c ‘mpfindung, die in seinen Hymnen und Liedern, die in dem Werther so reizvoll ertönt, 
schreitet er weiter zum Naturverständniss. Die Erdfreundschaft, wie er seine geologischen 
Studien nannte, gibt ihm merkwürdige Blicke in das Menschendasein, die Welt bekommt 
mm ein neu ungeheuer Ansehen (Briefe an Frau v. Stein 1, 337). Er beginnt diese 
Beobachtungen in den ersten weimarschen Jahren; das Fragment über den Granit 
gibt ein herrliches Zeugniss von dem Einfluss derselben auf seine gesamte Anschauung, 
denn alles was er thut, steht zu seinem ganzen in Verhältniss. So weist er durch 
den Zusammenhang aller natürlichen Dinge den Vorwurf ab, den man ihm etwa 
deshalb machen könne, dass er sich von der Schilderung des menschlichen Herzen, 
des innigsten mannichfaehsten beweglichsten veränderlichsten erschütterlichsten Theils 
der Schöpfung zu der Beobachtung des ältesten festesten tiefsten unerschütterlichsten 
Sohnes der Natur, des Granits, gewant habe. — Goethe hat bald darauf die Botanik, 
die vergleichende Anatomie ergriffen, weiterhin durch lange Jahre die Farbenlehre 
gepflegt, überall ein sorgfältiger geistreicher Beobachter, dem sich bedeutsame Blicke 
öffneten. Aus der genau beobachteten Gestalt des einzelnen sucht er das ganze zu 
begreifen: sein Ziel ist, die Idee der Natur, das Urphränomen verstehn zu lernen. 
Wenig Jahre, nachdem Goethe die herdersehen Anregungen in Strassburg 
e mpfieng, steht er hoch über allen mitstrebenden; keiner kommt ihm nahe an Fülle 
der Gedanken, an Schärfe des Blicks, an Kraft des Willens, an dem Zauber der 
Persönlichkeit. Während er mit thätigem Sinne und im Gefühl entsagender Pflicht 
daran arbeitet, die Räthsel im Menschen und in der Natur zu lösen, gefallen sich die 
Genossen im eitlen Spiele der Leidenschaft oder verzehren sich in dumpfer Unbefrie 
digung. Zur Erkenntniss der denkwürdigen Zeit gehört aber auch ihr Bild; mögen 
denn einige derselben aus dem Schatten der Vergangenheit heraufsteigen! 
Zuerst Jacob Lenz. Er war aus seiner baltischen Heimat als Führer zweier 
hvländischer Junker an den Rhein gekommen und hier plötzlich zu warmem Leben 
°i’wacht. Seine reizbare Natur sog die neue Lehre gierig ein. Der Worte mächtig, 
empfindsam, phantastisch wähnte er mit Goethe im dichten und lieben um den Preis 
r,n gen zu können. Aber er gieng darin elend zu Grunde; die stark gespannten Saiten 
Anrissen den schwachen Rahmen der Harfe. Lenz, der unerfahrenste Mensch, im 
Grunde ein unerzogen Kind, meinte als Rousseauist zum Weltverbesserer Beruf zu 
haben. Als Werkzeug wählte er das bürgerliche Schauspiel, jene Gattung also, welche 
Lessing durch seine Sara Sampson einführte, worin das, was der englische Familicn- 
J'oinan erzählend leistete, durch dramatische Vergegenwärtigung erstrebt ward: die 
Entwickelung des tragischen nämlich im bürgerlichen Leben. Die Comödien von Lenz
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.