Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1873 (Band XX.)

10 
mannhafter Wille das eingeborene Rechtsgefühl gegen juristische und politische Formen 
mit dem Schwerte vertheidigte. Jenes Drama war nicht bloss nach seiner Gestalt 
revolutionär; es war recht eigentlich ein Fehdebrief an das erstarrte heilige römische 
Reich, ein dichterischer Weckruf an die entschlafenen Geister germanischer Helden. 
In diesem Sommer werden einhundert Jahre voll, dass Götz von BeiTichingen 
erschienen ist. 
Viele begriffen die nationale Bedeutung dieser dramatisirten Geschichte aus 
glücklich gewählter Zeit. Die Menge freilich ahnte sie nur dumpf, und ihre Freude an 
<iera lebensvollen Werke zeugte um so stärker von der .Jugendfülle seiner poetischen 
Kraft. 
Allen- verständlich und ungezählte Herzen überwältigend trat dann im Herbst 
1774 Goethes zweite grosse Dichtung hervor, der Werth er. in ihm verkörperte 
sich die schwüle Stimmung der damaligen Jugend. Grosse Forderungen an sich und 
<lie Welt trafen zusammen mit dem Bedürfniss einer starken Leidenschaft; der Durst 
nach Sättigung in freister Empfindung verband sich mit heftiger Verachtung des 
conventionellen Gesetzes; ein krankhafter Lebensüberdruss lag Herz an Herz mit dem 
glühendsten Lebensverlangen. Da schuf der Dichter mit gröster Meisterschaft eine Ge 
stalt die alles dieses fühlte, und die folgerichtig durch solches leben und leiden zu ihrem 
dunkeln Schicksal wandelte: zerknirscht warf sich die Jugend vor dieses ihr Ideal 
nieder, eine Erschütterung ohne gleichen rollte durch die deutschen Herzen. Die 
Leiden des jungen Werther wirkten wie eine That; ihre poetische Schönheit konnten erst 
spätere begreifen, die auch des Dichters Absicht, ein Bild des gefahrvollen strebens 
in das unendliche zu entwerfen, erkannten. 
Werther hangt innerlich mit Faust und Prometheus zusammen, jenen titanischen 
Gestalten, zu denen Goethe in denselben Jahren sich gezogen fühlt, weil sie die 
sagenhafte Verkörperung des Geistes der Zeit sind. Prometheus trägt den Stolz 
des „heilig glühenden“ Herzen, das alles selbst vollenden zu können meint, die Auf 
lehnung des unzufriedenen Geistes gegen die ruhige Macht des ewigen Gesetzes. 
Faust wurzelt in dem ungestillten Verlangen nach Befriedigung in Genuss und in 
Erkenntniss; er überschreitet die menschlichen Gränzen um die Sättigung zu finden und 
dann von seinem Reichthum die armen Menschen zu beglücken. Aber er geht zu 
Grunde weil er die Gränzen überschritt. Die Zeit war voll dunkler faustischer Triebe, 
mehr als einer trachtete die alte Sage poetisch zu erneuen; doch keinem gelang es 
als Goethe, der bereits 1774 und 1775 daraus Svenen von wunderbarer Schönheit 
und höchster geistiger Bedeutung dichtete. 
Seine Sele umspannte mit jugendlicher Fülle die Weiten des menschlichen 
Daseins. Liebesglück und Liebesschmerz ertönt aus den tiefen Worten seiner Lieder, 
mit Witz und Spott schlägt er schwaches und schlechtes, die socialen Probleme berührt 
seine darstellende Hand, und die Geschichte der Bildung der Menschheit reicht ihm
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.