Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1873 (Band XX.)

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sind deshalb aus seinem Reisejournal die Sehulpläne. Auch hier erkennen wir, wie 
irüh Herder über Rousseau hinausgieng. Statt mit Rousseau Zeiten zu preisen die 
nicht mehr sind und nie gewesen sind, statt Romanbilder zu schaffen (Lebensbild II, 
185), denkt er an eine geistige Hebung, nicht an einen wilden Umsturz der Erziehung, 
ivie Basedow und die andern Philanthropisten. Die Schule soll so viel möglich 
National- und Provinzialfarbe bekommen, die Erziehung für alle Welt aber das Ziel 
sein. 
ln einem Lebensalter, da die meisten Menschen das überlieferte sich aneignen, 
tritt Herder mit einem Reichthum neuer Gedanken vor sein Volk. Er hat sie dureh- 
a us nicht alle selbst gefunden, aber er hat sie eigenthümlich gestaltet. Herder ist 
kein kritischer, kein systematischer Kopf, er ist bei allem wissen kein grosser 
Geleh rter; aber er ist reich an unmittelbarer Anschauung, an feiner Anempfindung, 
an gefühlvoller Ahnung. Nationalität und Humanität bringt er zum Bewustsein als 
die grösten Mächte; seine Auffassung des menschlichen gibt der Wissenschaft unge- 
kannte Aufgaben und erweckt eine neue deutsche Poesie. 
Ein wundersames klingen, ein frühlingsartiges duften gieng damals durch die 
deutschen Lüfte. Wenn man sich in die ersten siebziger Jahre des vorigen Jahr 
hunderts vertieft, gedenkt, man des Ostermorgens im Goethischcn Faust: es ist als 
herrsche der Frühlingsfeier freies Glück, als habe den lebensmüden Menschen die 
h>rde wieder gewonnen. Der Enthusiasmus des Lebens begeistert das neue 
Geschlecht. Jugendliches erstaunen über den Reichthum der menschlichen Natur 
leuchtet aus den jungen Augen und zugleich blitzt darin die Entschlossenheit, das 
üeue Lebensideal gegen die alten Mächte zu behaupten. 
Wenn die Zeit reif ist, erfüllt sie sich in einem grossen Menschen. So 
erschien damals Goethe: ein vollkommenes Mannesbild wird er der Dichter der 
neu gefühlten Natur, des neu angeschauten Menschen. 
Es gleicht einer Fügung dass der Student Goethe in Strassburg mit dem 
reisenden Herder zusammentraf, der die Schalen seines Wesens zerbrechen und ihm 
die Aussicht in das neu entdeckte Land des Geistes öffnen rnuste. Homer und 
Shakespeare, die hebräischen Dichter und Ossian, die griechischen Philosophen und 
das Volkslied, antike Plastik und die Architectur des Mittelalters deutete ihm Herder 
aus der Fülle seines Geistes; Empfindung und Leidenschaft, ahnungsvollen Instinct 
predigte er als Hauptgaben des Poeten. Der knospende Blütenbaum sprang auf, der 
schönste Lenz unsrer Poesie war erschienen. 
Die correcte Lyrik der Leipziger Jahre Goethes springt nun um in den tief- 
erregten, aus Schmerz und Wonne geborenen, himmelanstrebenden Gesang der nach- 
strassburgischen Periode. Während er vorher Schäferspiele und Intriguenstücke nach 
französischem Muster schrieb, bildet er jetzt, von Shakespeare durchglüht, seinen 
Götz von Be rl ich in gen als das Denkmal einer kräftigeren Zeit Deutschlands, da 
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