Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1873 (Band XX.)

01 füllte der Plan zu einem grossen Werke über die politische Bildung des Jahrhunderts, 
Von dein er sich für Livland und Russland, denen er durch sein rigisches Amt 
angehörte, sogar unmittelbare Folgen träumte. „ Alles muss sich heutzutage an die 
Politik anschmiegen, auch für mich ist's nötig mit meinen Planen“, schrieb er 1769 
lr > sein Reisejournal (Lebensbild II, 194). Er ist kein Politiker geworden, aber er true 
e men weit folgenreicheren Gedanken aus, den nämlich, die ganze Philosophie in 
Anthropologie zu wandeln (Lebensbild I. 3. 1, 253), den Menschen also zum Mittel 
punkte alles philosophirens zu machen. Herder hat das menschliche für die 
deutsche Wissenschaft entdeckt, darin gründet sich seine gewichtige Stellung. 
Zunächst eröffnete er neue Ansichten über das Wesen der Sprache. Während 
noch Lessing die Frage nach der Entstehung der Sprache vom theologischen Stand 
punkte beantwortete und sie im Grunde auf göttliche Offenbarung zurückführte, 
ei 'klärte Herder ihren göttlichen Ursprung, so fromm er scheine, für einen fein ver 
stockten Unsinn. Nur in so fern könne er auf eine würdige Art göttlich heissen, als 
er menschlich sei. „Die Sprache gebar sich mit der ganzen Entwicklung der mensch 
lichen Kräfte. Die Fortbildung der Sprache ist dein Menschen so natürlich als seine 
^‘utur selbst“. „Der menschliche Ursprung zeigt Gott im grössesten Licht: sein Werk, 
durch sich selbst eine Sprache schaffend und fortschaffend, weil sie sein Werk, eine 
menschliche Seele, ist. Der menschliche Ursprung lässt keinen Schritt thun ohne 
Aussichten und ohne die fruchtbarsten Erklärungen in allen Theilen der Philosophie, 
ui allen Gattungen und Vorträgen der Sprache.“ 
Herder wante seine allgemeinen, humanistischen Sätze stets auf das nationale 
an - So hat er auch seine Sprachanschauung an den einzelnen Sprachen, vornämlich 
an der deutschen in der ersten Samlung der Fragmente ausgeführt, und die Wechsel 
wirkung zwischen Denkart und Sprache, zwischen Sprache und Litteratur, zwischen 
Pialect und geographischen Verhältnissen entwickelt. Diese Untersuchungen runden 
Slc h in dem Satz ab, dass das ganze grosse Geheimniss des deutschen Idiotismus ein 
Spiegel der Nation ist (Fragmente I, 6). 
Herder sprach sich feurig gegen die Regöl und für den Instinct der Sprache 
aus. Das ursprüngliche, dunkel ahnungsvolle, bildliche, jugendlich springende und 
freie macht denn auch den Karacter seines St.yls bis zu den Briefen über das Studium 
der Theologie. Voller Entsetzen erklärte sich Hamann gegen diese Greuel der Ver 
wüstung, gegen die alcibiadischcn Verhunzungen des Artikels, die monströsen Wort 
kuppeleien, die dithyrambische Syntax und alle anderen licentiae poeticae (Hamann 
v on Gildemeister 5, 121). Aber das junge Geschlecht jauchzte dem kecken Stylisten 
zu und lernte von ihm die freiste Behandlung der Worte und Sätze, bildete die 
mspirirte Redeweise nach und hielt diese Nachahmung für ein Zeuguiss des Genies. 
Sprache und Litteratur beurtheilte Herder aus dem gleichen Gesichtspunct. 
Nur die Poesie erklärte er für die rechte Poesie, die aus Instincten, nicht aus Regeln
	        

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