Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1873 (Band XX.)

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Der Mensch wird als schönster Theil des schönen ganzen, als wichtigste Aufgabe 
Menschlicher Forschung verkündet. 
Montesquieu überträgt die neue Methode auf Geschichte und Politik, 
glänzender und erfolgreicher als Locke selbst. Geistreich und elegant in den Formen 
als Verfasser der Lettres persanes, zeigte er in den Considerations sur les causes de 
la grandeur des Romains et de leur decadence (1734) wie alle Geschichtschreibung 
durch Untersuchung des Volksgeistes und Statswesens das Leben empfange. Er wies 
auf die sittlichen Ursachen der Grösse und des Verfalls der Staten hin, und führte 
aus, dass jedes Volk selbst seine Geschichte mache. Grösser noch war die Wirkung 
seines Esprit des lois (1748), des Hauptbuches der politischen Weisheit des achtzehnten 
Jahrhunderts. Es nimmt ebenfalls die Natur der Völker zur Voraussetzung ihrer 
Geschichte und stellt dem durch den Volksgeist gebildeten State die Verwirklichung 
der gesetzlichen Freiheit zur Aufgabe. 
Die Geschichtschreibung war durch Montesquieu auf neue Bahnen geführt. 
Voltaire leitete sie durch den Essai sur les moeurs et l’esprit des nations (1756) 
weiter und verband mit der politischen die Culturgeschichte. ln seinen eigenen 
Geschichtsbüchern gab er die Beispiele zu den Regeln. Diese Geschichtsbehandlung 
Montesquieus und Voltaires wirkte dann auf England zurück und erweckte die einfluss- 
eichen historischen Arbeiten Humes, Robertsons und Gibbons. Die Statstractate und 
die Schlachten erschienen fortab nur als ein Theil der geschichtlichen Erscheinungen; 
neben die Minister und Generäle traten die Künstler und Gelehrten, die Gewerbs- 
und Handelsleute, ja der Mensch an sich als Gegenstände historischer Beobachtung. 
Die Geschichte ward Geschichte des Geistes der Zeiten, der durch die unveränderliche 
Menschliche Natur und durch die veränderlichen Meinungen gebildet wird. 
Die geschichtlichen Arbeiten Voltaires sind nur ein Glied in der electrischen 
Kette seiner Werke, die vielformig und zahlreich, philosophirend und dichterisch, 
immer sprudelnd von Witz, schneidend mit Spott, reizvoll in der Gestalt, den Kampf 
gegen die monarchische Willkür und gegen die römische Kirche führten, und für die 
Läuterung der geistigen Atmosphäre unendlich wirkten, mochten die Blitze auch von 
mfernalem Schwefeldampf gefolgt sein. 
Newton und Locke, Buffon, Montesquieu und Voltaire sind Erben einer alten 
Gultur, die sie fortbilden und erweitern, mit der sie aber durch Geburt und Erziehung 
fest verwachsen sind. Den gründlichsten Gegensatz gegen alles ererbte vollzieht dagegen 
Rousseau, den die schmerzvolle Einsicht bewegt, die Natur sei nicht mehr Natur, 
der Mensch dürfe nicht mehr Mensch sein. Er will einen völligen Umsturz der vor 
handenen Zustände, er drängt auf einen Urzustand, in dem die glänzende Cultur und 
der prunkende Stat der Zeit ebenso unzulässig seien, als die Lehren der Materialisten 
und der Orthodoxen erlaubt werden. Rousseau will das Glück der Menschheit schaffen 
durch die Einsetzung der Natur in ihr Recht. Das lezte Ziel seines Contrat social ist
	        

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