Full text: (Band XX.)

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durch klonische Zuckungen erschüttert. Diese Anfälle waren von kurzer Dauer, 
wiederholten sich aber sehr häufig. In den Pausen immer wieder Versuche zu 
zu trinken, welche häufig neue Krampfanfälle veranlassten. — Von 4 Uhr an 
wurden die Krämpfe seltener und hörten um 5 Uhr auf. Temperatur 41° 0. 
Um 672 Uhr konnte das Kind, unter starkem Zurückbiegen des Kopfes, im 
Löffel dargereichte Milch trinken, verlangte das Nachtgeschirr und entleerte 
etwas Urin, welcher sich beim Erkalten durch Urate trübte, aber kein Eiweiss 
enthielt. Temperatur 40. Puls 144. Respiration 28. Der ganze Körper von 
klebrigem Schweiss bedeckt. — Um 7 Uhr war das Kind völlig besinnlich, ver 
langte zu essen, klagte über Leibschmerz, verrioth grosse Furcht vor jedem 
Luftzug, z. B. vor dem Anblasen durch den Athem der Umstehenden, daun und 
wann trat kurzdauernde tetanische Starre der Nacken- und Rückcnmuskeln ein. 
— Von einem schnell bereiteten Beefsteak ass er ein Stück, eben so von einem 
Kuchen, den er in Wein tauchte, während er selbst das Glas hielt. Er ass uni 
trank fasst ganz ohne Beschwerde; nur die Beine zuckten während des Essens 
zuweilen ein wenig. — Nach der Mahlzeit, um 8 Uhr, legte der Kranko sich 
ruhig nieder, der Körper triefte von Schweiss, die Extremitäten wurden kühl, 
der Puls aussetzend, die Athemzügc seltener. Tod um 8 Uhr 25 Minuten. 
Temperatur im Rectum, unmittelbar nach dem Tode gemessen, 39,6° 0. 
Die Section ergab einen ganz negativen Befund in den Central - Ncrven- 
organen. In den Lungen fanden sich die Folgen des schwer gestörten Athmungs- 
Mechanismus, Luftaustritt und zahlreiche kleine Blutergüsse unter der Lungon- 
pleura. 
Die eben beschriebenen Krankheitserscheinungen weichen in keiner wesent 
lichen Beziehung von den älteren Beschreibungen ähnlicher Fälle ab. Ich habe 
sie auch nur deshalb so ausführlich mitgetheilt, um zu zeigen, dass es sich in 
diesem Falle um einen unzweifelhaften Fall von Lyssa (Hundswuth) gehandelt 
habe. Das Interesse des Falles liegt darin, dass die Entstehung dieser schreck 
lichen Krankheit für diesen Fall keineswegs genügend aufgeklärt wordon konnte. 
Im September 1872, also vier Monate vor Ausbruch der Kraukhoitssymptome 
bei unserem Patienten, verbreitete sich im Dorfe I ries das Gerücht, dass cm 
toller Hund in der Gegend umherstroifo. Der Vater unseres Patienten glaubte 
an seinem Haushunde, mit dem sich some Ivinder, besonders unser Klemer, 
viel zu schaffen machten, Kraukhoitssymptome zu bemerken und tödtoto Vor- 
sichts halber das Thier. Auf das bestimmteste aber glaubte der Mann versichern 
zu können, dass das Kind von dem Hunde nicht gebissen worden sei. Der 
Jungo selbst aber behauptete auf Befragen eben so bestimmt, dass er eines 
Tages von des Nachbars Hund in den Finger gebissen wordon sei, und bozoich- 
note einen kloinon sternförmigen Riss in der Mitte des Nagels des linken Ring 
fingers als die Stelle dieser Verletzung. Beide Eltern, welche ihro Kinder 
offenbar mit ganz ungewöhnlicher Sorgfalt in Obacht hielten, hatten von diesem 
Hundebiss bis zur Zeit der Aufnahme ihres Sohnes in unsore Klinik Nichts 
gehört und sprachen ihro Ueborzeugung dahin aus, dass der Kleine, bereits in 
Ficberdelirien befangen, fabulire. Nachträglich ciugozogene genaue Erkundigun 
gen haben ergeben, dass der von dom Kleinen boschuldigto Nachbarshund noch
	        
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