Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1870 (Band XVII.)

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eines Gesetzes sich zu betragen, und um einer allgemeinen, bloss formellen Ordnung 
willen dies zu thun und anderes zu unterlassen, was sonst dem Einzelnen wohl ge" 
stattet werden könnte. In der Gemeinschaft mit vielen unterrichtet, lernt es sich 
nach andern richten, Zutrauen zu andern, ihm zunächst fremden Menschen, und Zu 
trauen zu sich selbst in Beziehung auf sie erwerben, und macht darin den Anfaim 
der Bildung und Ausübung socialer Tugenden.“ 
Wenn nun in einem Kinde alle Eigentümlichkeiten des sanguinischen Tem 
peraments in besonderer Stärke hervortreten und es sich trotz der didaktischen 
Geschicklichkeit und der sittlichen Tüchtigkeit des Lehrers nicht durch den Unter 
richt zu Aufmerksamkeit, Fleiss und Ordnung will erziehen lassen, sondern sich 
gemäss seiner natürlichen Lebhaftigkeit und Beweglichkeit zu tändelnden Zerstreuun 
gen, zu Störungen der Lehrstunde und selbst zu leichtfertigen Streichen, zu den 
gerade diesem Temperamente häufig zugesprochenen Temperamentssünden verleiten 
lässt, so muss die Strenge der Schulzucht als Erziehungsmittel bei ihm zur Anwen- 
dung gelangen. Doch darf der Lehrer auch in diesem Falle nicht in ein juridisches 
Verhältnis zu'dem kleinen Sünder treten, sondern die verhängte Strafe muss den 
Stempel väterlicher Zucht tragen. Der Gedanke an das „Sunt pueri, pueri, pueri 
puerilia tractant“ muss ihm auch bei äusserlicher Strenge und Härte das Herz weich 
und zur Vergebung geneigt erhalten. Ein geschickter und gewissenhafter Lehrer, der 
in seinem Unterricht, wie in seiner ganzen Persönlichkeit die Bürgschaft für'eine 
gute DiscTpIin gewährt, wird über zahlreiche und grössere Ausschreitungen gegen die 
Gesetze, der Aufmerksamkeit, des Fleisses und der Ordnung nicht so leKht zu klamm 
haben, und den wenigen schwer zu bessernden Naturen gegenüber wird er Zeit und 
Befähigung besitzen, um sie ganz individuell zu behandeln. Dann muss er aber seine 
Beobachtung auch auf die zwischen den einzelnen Stunden liegende Erholungszeit, 
auf die Selbstbeschäftigung dieser Kinder und ihren Verkehr mit den Mitschülern aus 
dehnen. W enn sich ihm irgend eine Gelegenheit bietet, so muss er sie auch beim 
Spiele beobachten, das eine wahre Fundstätte pädagogischer Ermittelungen ist, weil 
hier die Kinder, besondeis wenn sie sich unbemerkt glauben, ihr innerstes Wesen 
hervortreten lassen und sich ganz so geben, wie sie sind. 
Aber dazu bietet eine grosse Stadt nur wenig Gelegenheit, ebenso wie in der 
selben auch die Verbindung der Schule mit dem Hause nur sehr locker ist, und der den 
Litern persönlich meist unbekannte Lehrer besondere Schwierigkeiten zu überwinden hat, 
wenn er sie behufs der Bekämpfung der unberechtigten Eigentümlichkeiten ihrer 
Kinder zu gemeinschaftlichem Handeln heranziehen will 
Unterstützen aber die Eltern die Schule bei der Heilung sanguinischer Ge 
brechen ihres Kindes nicht, sondern beschönigen sie dieselben oder schreiben sie gar 
die ungünstige geistige und sittliche Entwickelung ihres Lieblings der ungerechten und 
verkehrten Behandlung desselben seitens des Lehrers zu, um so. ihre eigene Schwäche
	        

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