Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1870 (Band XVII.)

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den. Der Unterricht beginnt schon am ersten Tage in einer Weise, welche der 
erfahrungsmässigen Durchschnittsbildung der Neueingetretenen entspricht. 
Die Etymologie von unterrichten weist auf eine gegenseitige Thätigkeit hin; 
denn richten hat in dieser Zusammensetzung die alte Bedeutung des Erzählens 
welche uns noch in den Worten berichten und Nachricht entgegentritt. Das „unter“' 
scheint aber, wie Adelung sagt, anzudeuten, dass die Sache unter mehreren Personen 
vorgeht, so dass also unterrichten ursprünglich soviel, wie unterreden ist. ln dieser 
Worterklärung liegt die beste Empfehlung der entwickelnden Methode. Doch das 
Sprechen wird durch das Denken, dieses aber durch das Anschauen bedingt, und da 
viele Kindei bei ihrem Eintreten in die Schule in dieser Beziehung noch sehr unent 
wickelt sind, so stellt der bereits vorher genannte Pädagoge A. Böhme für den ersten 
Unterricht als Hauptaufgabe, das Kind durch Anschauungs-, Denk- und Sprechübun 
gen erst lernfähig zu machen. Durch Malen, Singen, Erzählen und durch Lernen 
von Gedichten soll ihm Interesse für die Schule eingeflösst und das Haus von Anfang 
an in das Interesse der Schule hineingezogen werden. Aber das Kind hat, wie Hegel 
mehrfach hervorhebt, einen Drang nach Vorstellungen, und darauf gerade beruht 
sein Recht, unterrichtet zu werden; und da die vorgenannten Uebungen sich vor 
zugsweise im Kreise der bereits mitgebrachten kindlichen Erfahrungen bewegen, so 
müssen auch möglichst bald positive Kenntnisse dem Zöglinge beigebracht ’ und 
namentlich Geschichten aus dem Leben des Heilandes in der einfachen, durch ihre 
markigen Züge so anschaulichen und doch unerreichbar erhabenen Darstellungsweise 
der Evangelien mitgetheilt werden. — Eine solche Methode des Unterrichts wird den 
Kindern Interesse für die Gegenstände desselben abgewinnen und sie zur Aufmerk 
samkeit anleiten und erziehen, einer Tugend, deren Aneignung sanguinischen Wesen 
die meiste Mühe macht. Die Aufmerksamkeit ist die Vorbedingung alles geistigen 
Fortschrittes. Anfänglich kommt es mehr auf den Grad, das Intensive derselben, als 
auf ihre lange Dauer an. 
. Schreitet nun der Unterricht methodisch richtig, stufenweis vom Leichten zum 
Schweren fort, so wird der infolge seiner reichen Empfänglichkeit und grossen Be 
weglichkeit muntere und gelehrige Sanguiniker mit Leichtigkeit von einer Vorstellung 
zur andern hin überschreiten und schnelle Fortschritte machen. 
Die allseitige Aufgeschlossenheit für die Erscheinungswelt, verbunden mit 
geistiger und körperlicher Rührigkeit ist gleichsam die gute Mitgift, das positive Mo 
ment des sanguinischen Temperaments. Die Schattenseite desselben beruht darauf 
dass sich selten ein Eindruck bis auf die Tiefe auswirkt. Wenn beim sanguinischen 
Kinde Lachen und Weinen schnell auf einander folgt, wenn ihm eine glückliche 
Vergesslichkeit für Lust und Unlust, ja selbst für die erziehende Strafe innewohnt 
so ist dus zwar, wie Lotze sagt, auch noch in gewisser Hinsicht ein Vortheil, weil 
dadurch längere Trübung, oder völlige Störung seiner unbefangenen Empfänglichkeit
	        
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