Full text: (Band XVII.)

Wie selbst der idealste griechische Philosoph, Plato, als Aufgabe der Erziehung 
nur die Heranbildung zum vollkommenen Bürger kannte, so ging auch den Römern, 
wie uns das pädagogische Hauptwerk der römischen Literatur, die institutio oratoria 
des Quintilian, lehrt, der ganze Begriff' des Menschen im Redner auf. Gleich der 
dritte Satz lautet: Nemo reperitur, qui sit studio nihil consecutus. Hoc qui perviderit, 
protinus ut erit parens factus, aerern quam rnaxime curam spei futuri oratoris 
impendat. 
Plutarch aber, welcher in seiner Schrift de puerorum educatione der christ 
lichen Erziehungsidee am nächsten kommt, ist insofern einseitig, als er, wie später 
Rousseau in seinem Emil, sich den Sohn eines vornehmen und begüterten Hauses 
als Gegenstand der erziehenden Thätigkeit denkt. 
Doch wenn auch durch das Christenthum die subjective Berechtigung des Ein 
zelnen anerkannt, wahre Humanität begründet und in Christi Verkehr mit den Jüngern 
ein Bild vollendeter Erzieherweisheit gegeben wurde, so liess doch, wie Palmer in 
den Prolegomina seiner Pädagogik erörtert, das Evangelium wegen seiner göttlich 
pädagogischen Natur anfangs keine menschliche Pädagogik zu, ebenso wie im alten 
legtamente Grosse und Kinder dem Gesetze gegenüber als unmündig dastehen, und 
die Führung des ganzen Volkes unter dem Gesichtspunkt der göttlichen Erziehung 
aufgefasst werden muss. 
Aus einem ähnlichen Grunde konnte auch die Reformation trotz des reichen 
Bildungsstoffes, welchen die deutsche Bibel, der Katechismus und das evangelische 
Lied gewährten, und ungeachtet der mancherlei pädagogischen Bestrebungen Luthers 
und Melanchthons, welcher letztere sich namentlich in seinen Elementa puerilia als 
praeceptor Germaniae erwies, doch nicht die Entwickelung einer volksthümliehen 
Pädagogik mit entsprechenden Institutionen zur unmittelbaren Folge haben, zumal auf den 
herrlichen Morgen des Protestantismus die verheerenden Kämpfe des herzlosen Partei 
geistes folgten. Erst durch die Pietisten, welche, wie Francke, der Begründer des 
berühmten Hallenser Waisenhauses, auch auf die allerärmsten Kinder ihr Augenmerk 
richteten, wurden die evangelischen Erziehungsideen zur Verwirklichung gebracht. 
Sollte die Pädagogik aber zur Blüthe gelangen, so mussten erst die Rechte der 
Kindesnatur erkannt und zur Geltung gebracht werden. Schon Locke hatte indivi 
duelle und freundliche Behandlung der Kinder verlangt, Rousseau erkannte das Princip 
der Naturgemässhcit, und Pestalozzi erfasste die Natur des Kindes in ihrer Tiefe 
gab die Grundidee einer absoluten Methode und gewann positive Resultate. So hat 
sich die Erziehungslehre seit Locke zur Individualpädagogik entwickelt und ist als solche 
besonders auch durch Herbart vertreten worden, welcher Pestalozzis Methode von 
ihren Windeln loslöste und weiter entwickelte. Doch ging man auf der Bahn indivi- 
du eller Erziehung auch zu weit, und Hegel hat das grosse Verdienst, dass er der
	        
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