Full text: (Band XVII.)

„Es ist entzückend, sich vorzustellen, dass die menschliche Natur immer besser durch 
Erziehung werde entwickelt werden.“ 
In diesen Worten spricht Kant in seiner Pädagogik (S. 373) seine Begeisterung 
für das Werk der Erziehung aus. Soll das hohe Ziel derselben erreicht werden, so 
müssen nach seiner Ansicht die Kinder der Idee der Menschheit und deren ganzer 
Bestimmung angemessen erzogen werden. 
Eine Idee ist ihm aber der Begriff einer Vollkommenheit, die sich in der Er 
fährung noch nicht vorfindet, und da die Entwickelung der Naturanlagen bei den 
Menschen nicht von selbst geschieht, so ist alle Erziehung eine Kunst. Der Mecha 
nismus der Erziehung muss in Wissenschaft verwandelt werden, und dann ist die 
Pädagogik das grösste Problem und das schwerste, das dem Menschen kann aufge 
geben werden. 
Wenn nun auch Kant so die Vollendung der allgemeinen Menschennatur als 
das hohe Ziel der Pädagogik hinstellt, so vergisst er doch keineswegs die Rücksicht 
auf die individuelle Natur. Soll das ganze Geschlecht ein lebendiger Organismus 
werden, so muss die individuelle Begabung der Einzelnen volle Berücksichtigung fin 
den. Als entschiedener Gegner jeder nivellirenden Gewaltthätigkeit findet Kant daher 
das schwerste Problem innerhalb des ganzen Erziehungsproblemes in der Beantwor 
tung der Frage, wie man die individuelle Freiheit bei dem Zwange zu cultiviren habe. 
Das Recht der Persönlichkeit wurde erst durch das Evangelium sanctionirt, 
welches im Reiche Gottes individuelle Vollendung, wie Einreihung in das Ganze ge 
währt. Bei den Griechen durfte der Einzelne nur um des Staates willen existiren, 
und Weiber, Kinder und Sklaven waren ohne vollen Menschenwerth.
	        
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