Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1870 (Band XVII.)

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energische Wärmeentziehungen wohl irn Stande sind bei Krankheiten des Central- 
nervensysterns vorübergehend starke Remissionen zu erzielen, dass aber eine Wider 
standsfähigkeit der abnorm gesteigerten Körperwärme gegen Wärmeentziehung vor 
handen, welche bei andern Erkrankungen nicht vorkommt. Die Wirkungslosigkeit 
des Chinin ist in diesem Falle ebenfalls unzweifelhaft. Auch beim Hitzschlag machen 
wir dieselbe traurige Erfahrung, wie aus der beigegebenen Krankengeschichte, welche 
ich ebenfalls der Güte des Herrn Professor Jürgensen verdanke, ohne Schwierigkeit 
zu erkennen ist. 
Der Zimmermann Joachim Reimers, 36 Jahr alt, aus Elmschenhagen, ein un- 
gemein starker Mensch, wurde am 19. August 1868 um 11 Uhr Morgens in dem 
academischen Hospital zu Kiel aufgenommen. Patient war am Morgen, nachdem seit 
längerer Zeit ausnehmend heisse Witterung gewesen, vollkommen wohl an seine 
Arbeit gegangen, bei der er den Sonnenstrahlen voll ausgesetzt war. Kurz nach 
10 Uhr wurde ihm plötzlich schlecht, er klagte über Schwindel, taumelte und konnte 
nur noch eben von dem Gerüst herabgeführt werden, auf dem er sich bis dahin 
befand. Herr Professor Bartels giebt folgenden Befund bei der Aufnahme an. Patient 
war bewusstlos, die Pupillen sehr verengt und gleichmässig zusammengezogen, rea- 
girten nicht auf Lichtreiz, Lähmungserscheinungen fehlten. Die Athmung war ster- 
toroes, aber von regelmässigem Rhythmus, der Puls fast unzählbar, die Temperatur 
betrug 43,7° C Nach einem Aderlass, bei dem ca. 300 Grms. dunkel gefärbten, 
ungemein schnell gerinnenden Blutes entleert wurden, bekam Patient ein Vollbad von 
21 0 C. und ca. halbstündiger Dauer, worauf die Temperatur in recto auf 40,6 0 C. 
sank. Um 1 h. 15' wurde ein Clysma von 1,5 Grms. Chinin gesetzt, aber sogleich, 
wie auch später erneuerte, entleert, so dass kein Chinin resorbirt Avard Die Wirkungs 
losigkeit des Chinin konnte demnach in diesem Falle nicht erwiesen werden. Um 
2 h. 30' wurde Patient wieder in Wasser von 23 0 C. 25' lang gebadet, wobei die 
Temperatur von 40,4 bis 39,6 0 C. sank, und brachte schliesslich 8 h. Abends in 
einem Bade von derselben Temperatur nochmals 25' zu. Schon um 9 h. 30' indess 
erfolgte der Tod ganz plötzlich, ohne Convulsionen. Jedesmal nach dem Bade hob 
sich der Puls, er wurde langsamer und zugleich kräftiger. Um 2 h. 45' traten wieder 
holt Diarrhoeen von sehr üblem Geruch ein, auch wurde Erbrechen beobachtet, die 
Besinnung kehrte nicht wieder. 
Diese Krankengeschichte ist insofern um so interessanter, als sie einerseits 
meine These als richtig beweist, und andererseits eben aus der Wirkungslosigkeit des 
kalten Wassers der Schluss zu ziehen ist, dass beim Hitzschlag das Centralnerven 
system afficirt ist. Ausserdem will ich an dieser Stelle noch erwähnen, dass das 
Blut des Reimers alkalische Reaction zeigte, während die englischen Forscher, die 
vorzüglich in Ostindien ihre Erfahrungen sammelten, eine saure Reaction des Blutes 
als eine den Hitzschlag characterisirende Erscheinung angeben.
	        

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