Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1870 (Band XVII.)

derer, welche von der Anwendung des kalten Wassers nichts wissen wollen, als 
solcher, die dein Chinin jede Wirkung in andern fieberhaften Krankheiten als den 
lntermittenten absprechen. Letztere erklären das Chinin für ein Specificum gegen 
Malaria und einen ähnlich typischen Verlauf nehmende Fieberprocesse, eine allgemein 
antipyretische Wirkung des Chinin aber bestreiten sie und weisen darauf hin, dass 
eine solche Annahme, die ursprünglich bei Einführung des Mittels die herrschende 
gewesen, längst durch Thatsachen widerlegt sei. Diesen Gegnern nun muss ich er 
widern, dass die alte Ansicht von der Wirksamkeit des Chinin in Fieberprocessen, 
wenigstens in den meisten Fällen, durchaus die richtige ist. In einigen ganz bestimmt 
characterisirten Krankheiten lässt uns das Medicament und auch das kalte Wasser 
allerdings in Stich, wie ich in der letzten These erörtern werde. Indem man diese 
Fälle mit den viel häufigeren, in welchen beide Mittel von grosser Wirkung sind, 
urtheilslos zusammenwarf und vor allem viel zu kleine Dosen Chinin gab, brachte 
man es für einige Zeit wirklich dahin, das Chinin in den meisten fieberhaften Krank 
heiten als gänzlich unwirksam zu perhorresciren. Ich dagegen, gestützt durch eigne 
Erfahrungen, die ich in meiner poliklinischen ihätigkeit zu Kiel, unter der Aegide 
meines verehrten Lehrers, des Prof. Jürgensen, zu machen Gelegenheit hatte, kann 
mit Bestimmtheit behaupten, dass in der grossen Mehrzahl der Fälle die Temperatur 
fiebernder Patienten durch Dosen von 1—2 Grins. Chinin dauernd herabzusetzen 
möglich ist. Zur Bekräftigung verweise ich übrigens noch auf den Aufsatz von 
Liebermeister „Die antipyretische Wirkung des Chinin“ im deutschen Archiv 
für klinische Medicin Bd. IIL, wo aus den beigefügten Tabellen die Wirksamkeit 
das Mittel zweifellos hervorgeht. Vorzüglich kann ich das Chinin nebst den kalten 
Bädern bei Typhus abdominalis empfehlen, jenem Prototyp fieberhafter Processe, 
in welchem Temperaturabfälle von 40,4° C. bis 37,4° C. in 12 Stunden, ja 
sogar von 40,2° C. bis 36,0 0 C., also bis aut eine Collabstempcratur in 24 Stunden 
durch Chiningaben erreicht worden sind. Fast noch energischer ist die Wirkung des 
kalten Wassers, mag man nun Vollbäder oder etwa nasse Einwicklungen vornehmen. 
Es gelingt durch in Zwischenräumen von wenigen Stunden wiederholte Bäder sehr 
häufig die Temperatur dauernd herabzusetzen, besonders sind grade bei Typhus ab 
dominalis mit dem kalten Wasser so ausgezeichnete Erfolge erzielt worden, dass 
diese Behandlung in Typhen von Tag zu Tag mehr Anklang findet. Doch auch in 
Pneumonien, Pleuriten und andern von Fieber begleiteten Processen sind die heil 
samen Wirkungen des kalten Wassers glänzend constatirt, und vorzüglich will ich 
noch auf den Umstand aufmerksam machen, dass Patienten, welche mittelst kalter 
Bäder und nebenbei mit Wein behandelt sind, sich ungemein schnell erholen und 
überhaupt gar nicht so herunterkommen als diejenigen, welche nach alter antiphlo 
gistischer Art mit Aderlass, einer Legion von Blutegeln und den stärksten Drasticis 
beglückt wurden. Dabei ist übrigens durchaus nicht noting, dass man die Kranken
	        

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