Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1870 (Band XVII.)

er kann jede Sache ihrem ordentlichen Richter entziehen und an sich bringen; er 
stärkt das Recht, kränkt das Unrecht; er bestraft ungerechtes Urtheil und unbillige 
Rechtsverweigerung, und es sind ihm daher auch, wohin nur er in seinem grossen 
Reiche kommen mag, nicht nur die nutzbaren Rechte des Staates, Zoll, Münze, Markt 
u. s. w., sondern auch alle Gerichte frei, so dass ein jeder vor ihm klagen kann 
und jeder Gefangene auf seinen Befehl gelösst werden muss. 
Innerhalb der Grenzen des derzeitigen Staates war somit unserm Könige eine 
tief einschneidende, fast unumschränkt, und fest begründete Gewalt verliehen. Im 
Laufe von nahe an zwei Jahrhunderten hat sich gegen sie kein Widerstand mit Er 
folg behaupten können. Der menschlichen Natur war es dann aber auch entsprechend 
dass die Könige mit einem Herrscherbewusstsein erfüllt wurden, dass sie weit von 
dem Volke trennte, das sie veranlasste, über alle Formen, selbst wol über die 
Schranken der Sitte sich hinwegzusetzen und sich in halb phantastischen Anschauun 
gen über Wesen und Umfang ihrer Macht zu ergehen. Den Fürsten gegenüber haben 
sie ihr richterliches Amt in einer Weise gehandhabt, die für ungerecht, auch parteiisch 
galt, und dem Volke gegenüber unterstützten sie Forderungen, die auf das schroffste 
dem allgemeinen Reehtsbewusßtsein widersprachen. So erhob sich denn schliesslich 
hoch und niedrig gegen die unerträgliche Tyrannei eines Königthums, — das nur 
uns, die wir die folgenden Zeiten der Zerrüttung und des Elends kennen, noch heute 
leicht in dem glänzenden, fleckenlosen Lichte eines arabischen Schriftstellers erscheint, 
der seine Beschreibung unseres Vaterlandes mit den Worten schliesst: „Alle diese' 
Lande gehören zu Deutschland. Sein König ist es, der die Steuern empfängt, der 
über die allgemeine Sicherheit wacht, der nach seinem Willen regiert, von dem die 
höchsten Befehle ergehen, der die Vertreter seiner Marht ernennt und wieder absetzt, 
dessen Gesetze niemand zu brechen, und ohne den niemand dort zu widerstehen wa^t.“ 
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Die Zeiten sind jezt längst: sie sind nahe an achthundert Jahre ver 
schwunden. Noch in aller Erinnerung sind jedoch die Tage, wo wir auf sie, ein 
verlorenes Gut beklagend, nicht ohne Wehmuth und Trauer im Herzen zurückblicken 
konnten. Der Schatten fiel, und wir sahen im höchsten Glanz der Geschichte, nur 
die politische Einheit des Vaterlandes: damals die Grundlage des gesummten Volks 
lebens, jetzt ein Ziel unserer Bestrebungen, das unsere ganze Seele erfüllte, von 
dessen Erreichung uns aber die Ungunst der Verhältnisse noch für lamm Zeit zu 
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trennen schien. 
Heute ist es anders. Wir brauchen nicht mehr sinnend und von vergange 
nen Zeiten träumend das Haupt zu senken; wir können, stolz und froh über die 
Gegenwart, einer glücklichem Zukunft entgegen sehen. Der Staat, welcher sich mit 
dem vollen Bewusstsein seines Öffentlichen Characters inmitten der wüsten Trümmern 
des zerfallenen Reiches, über die sonst nach Privatrecht geboten wurde, Dank dem 
Schaffen des grossen Kurfürsten erhoben hat, um bald zu hoher Blüthe zu gelangen,
	        

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