Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1870 (Band XVII.)

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zu sprechen, denn solches konnte den Vorwurf, dass für den Reichsdienst kein Eifer 
vorhanden sei, und gelegentlich auch wol eine Anklage nach sich ziehen. Wagten 
aber die Fürsten Widerspruch, so war es in der Regel, wie bei andern Dingen: der 
König wurde heftig und deeretirte seinen Willen, dem sich die Fürsten fügen muss 
ten. — Alsdann bestimmte der König, welche Streitkräfte aufzubieten seien, wobei er 
aber durch bestimmte Lehnsverhältnisse, auch Rechte und Verpflichtungen einzelner 
Provinzen beschränkt war. Befreiungen traten zuweilen aus Gunst, häufiger wol aus 
Rücksicht auf die wirthschaftliche Unterhaltung ein. Durch einen Befehl des Königs, 
dessen Strenge nicht selten hervorgehoben wird, wurde schliesslich den Aufgebotenen, 
mindestens sechs Wochen vorher, Tag und Ort der Zusammenkunft des Heeres, nicht 
immer das Ziel des Zuges, angesagt. Versäumung des Heerdienstes zog harte Stra 
fen nach sich: Entziehung des Lehns, Verbannung, oder, wenn Milderungsgründe 
vorhanden, Geldbussen. Der Bischof von Lüttich ist einst wesentlich dieserhalb, ob- 
wol er sonst am Hofe ein sehr angesehener Mann war, zur Zahlung von 300 Pfund 
Silber verurtheilt. 
Die grossen Hoftage wurden in Bischofsstädten, königlichen Abteien oder 
Pfalzen, stets aber wechselnd in den verschiedenen Theilen des Reiches abgehalten. 
Erforderlich war solches, in einer Zeit, wo Geld kaum eine Macht war, — trotz der 
zahlreichen Domainen und obwol die bedeuteren Fürsten oft Güter in allen Theilen des 
Reiches hatten, — schon durch die Schwierigkeit der Verpflegung einer so ansehnli 
chen Versammlung: für das Reich aber war es auch von unberechenbarer Wichtig- 
tigkeit, dass dadurch dem Könige die Möglichkeit gegeben wurde, eine regelmässige 
Verbindung mit all seinen Fürsten, und zwar gerade für die Handhabung seiner 
höchsten administrativen und jurisdictionellen Befugnisse in allen Gegenden des Reiches 
zu unterhalten. Mehr als durch irgend welche Ereignisse, etwa politischer Natur, 
wird hierdurch die Einheit des Reiches hergestellt und bewahrt sein. 
Demselben Zweck dienten jedoch auch die beständigen Reisen unserer Könige 
innerhalb ihres weiten Staatsgebiets, wenn freilich auch sie zunächst in dem wirt 
schaftlichen Zustand damaliger Zeit begründet waren. Unermüdlich zog der König, 
selten auch nur Wochen an einem Ort bleibend, von Bisthum zu Bisthum, von Stadt 
zu Stadt, von Pfalz zu Pfalz. Uns mag eine solche Weise unvollkommen genug er 
scheinen: bei näherer Betrachtung aber ist leicht wahrzunehmen, dass dieses rastlose 
Umherziehen für das Königthum eine Lebensfrage war. Hierdurch erst war die Mög 
lichkeit gegeben, eine unmittelbare Verbindung mit Land und Leuten, und damit die 
Grundlage aufrecht zu erhalten, durch welche sich die starke Staatsgewalt des König 
thums fast zwei Jahrhunderte lang, zum Heil und Segen unsers Vaterlandes, allen 
Angriffen zum Trotz, für das ganze Reich behaupten konnte. 
Den Fürsten waren von dem Könige nur einzelne Rechte und Befugnisse für 
beschränktere Bezirke verliehen: er selbst aber wachte, dass ich so sage, über das 
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