Schliesslich glauben wir aber auch so viel behaupten zu können, dass eine akute Miliar-
Tuberkulose einer im Uebrigen ganz intakten Gelenkhöhle durchaus nicht vorkümmt. Diese That-
sache könnte auf den ersten Blick paradox erscheinen, ist doch die Synovial-Membran der Gelenke
nach dem Typus der serösen Häute gebaut und könnte sie somit auch den so constant vorkommen
den Erkrankungen der übrigen serösen Säcke unterliegen. Denn dass eine innig sympathische Be
ziehung zwischen Synovial-Membranen und serösen Säcken stattfindet, beweist der Verlauf des
akuten Gelenkrheumatismus. Hier ist die Erkrankung der Gelenke das Primäre und das sekundäre
des Mitergriffenwerden seröser Säcke, wie namentlich das pencandum einigermassen constant. Die
anatomische Gleichwerthigkeit dieser Organe ist ausreichend die Fortpflanzung der eben benannten
Affektion von einem Theile desselben Systems auf den anderen zu erklären.; für die Miliar-Tubur-
kulosen dagegen, welche ja mit grosser Vorliebe die serösen Häute des Rumpfes und die
Arachnoidea befällt, aber die der Extremitäten als primäre Erkrankung stets zu verschonen erscheint,
müssen wir zu einer physiologischen Erklärung unsere Zuflucht nehmen ; mit welchem Rechte oder
Unrechte bleibt dem Urtheile des Lesers überlassen.
Die Organe, welche von der Pleura, dem Pericardium, dem Peritonaeum und der Arachnoidea
überzogen sind bethäthigen einen ungleich höheren Grad von specifisch funktioneller Energie gegen
über den Organen welche von Synovial-Membranen bekleidet snd. Wie kann sich wohl der äusserst
langsame Stoffwechsel des Gelenkknorpels, das so wenig zu entzündlichen Veränderungen geneigte
Muskel-Gewebe, so wie das selbst von bedeutenden mechanischen Insulten unberührt bleibende
Knochen-Gewebe in Bezug auf Vulnerabilität messen mit einem Gewebe, wie die Lunge, einem
Organe das ewig in Bewegung stets von einer enormen und doch sehr wandelbaren Blutmenge
durchflossen, so wie dem steten Ein- und Ausströmen einer oft sich ändernden Athmosphäre offen
stehend den wichtigsten und unaufhörlichen Stoffwechsel in sich birgt. Wie kann man die in den
Gelenken stattfindende Bewegung auch nur annähernd mit der rastlosen Thätigkeit des Herzens
und der immer wiederkehrenden Peristaltik des Darms, verbunden mit der energischen Cirkulation
un d den beständigen mechanischen und chemischen Reizen des Darminhalts vergleichen. Auch die Hirn
häute, denen wir ja dieBildung eines serösenSackes zuzuschreiben geneigt sind, unterliegen schon bei jeder
Respirations-Anomalie (z. B. Keuchhusten u. Bronchitis capillaris der Kinder) den bedeutendsten
Schwankungen des Blutdruckes. Selbstfolglich ist mit einer solchen Fülle von Funktionen, die so
leicht störenden Einwirkungen unterliegen eine desto grössere Möglichkeit der Erkrankung verknüpft.
Hier steht die Lunge oben an, und kein Wunder, dass, wenn im Körper die Bedingungen zu
einer so pemieiüsen Krankheit, wie die Tuberkulose, vorhanden sind, die Pleurasäcke am ersten
in Mitleidenschaft gezogen werden. Am häufigsten wird sodann das Peritonaeum betroffen, und
auch die Pia mater der Gehirn-Basis ist aus oben erläuterten Ursachen ganz besonders zur Tuber
kulose disponirt. Noch erklärlicher wird diesen Verhältnissen gegenüber die Immunität der Gclenk-
häute, wenn man bedenkt, dass die der Tuberkulose verfallenen Kranken im fieberhaften Zustande
von Lunge und Herz einen noch ausgedehnteren Gebrauch machen, anderntheils aber die Funktion
der Gelenke theilweise oder auch fast gänzlich cinzustellen genöthigt sind.
So glauben wir es erklären zu können, dass eine chronische Entzündung eines Gelenks
sehr selten mit Tuberkelbildung complicirt ist und dass in sonst intakten Gelenken tuberkulöse
Erkrankung nicht vorkommt.
Wir gehen jetzt zur Darstellung unseres Falles über.

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