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Da Patient die Geduld verlor, verliess er nach einem Aufenthalte von drei Wochen das Hospital.
Sein Zustand bei seinem Abgänge war folgender: Der Hydrops ascites und das Erbrechen hatten sich
vollständig verloren, während die Schmerzen sich bedeutend vermindert hatten. Auch hatte der Patient,
wenn auch nicht viel, so doch etwas an Körpergewicht zugenommen.
Es werfen sich uns zunächst zwei naheliegende Fragen auf: Erstens, was sind die hauptsäch
lichsten klinischen Unterschiede zwischen Carcinom und Cirrhose des Magens, und zweitens, ist die
Krankheit heilbar und durch welche Mittel?

So leicht, wie dem pathologischen Anatomen die Diagnose der Magencirrhose auf dem Sections-
tisch gegeben wird, eben so schwierig ist sie für den Kliniker zu stellen.
Brin ton hat in einer statistischen Zusammenstellung nachgewiesen, dass das durchschnittliche
Alter der am Magenkrebs Leidenden ungefähr 50 Jahre beträgt, während er bei der Cirrhose nur ein
durchschnittliches Aller von 34 Jahren gefunden hat. Freilich pflegt der Magenkrebs vor dem 40. Jahre
zu den Seltenheiten zu gehören, das Auftreten der Cirrhose häufiger zu geschehen, ja es hat Dr. jjjauner
aus München sogar einen Fall von „Magenverhärtung“ bei einem vierteljährigen Kinde mitgethedt
(Schmidt’s Jahrbücher 1850. 67). Bei unserm drei Fällen — ich rechne den vor zwei Jahren beschrie
benen mit — trifft freilich dies Altersverhällniss nicht zu, indem alle drei das sechzigste Jahr über
schritten hatten.
Ein zweiter wichtiger Punkt für die Diagnose würde aus der Dauer des Krankheitsprocesses
zu entnehmen sein. Der Magenkrebs führt spätestens in zwei Jahren, gewöhnlich rascher, zum Tode;
die Cirrhose verläuft oft langsam und chronisch, zieht sich zuweilen 10—15 Jahre hin, ehe sie einen
lethalen Ausgang nimmt. Auch dies trifft bei unserem ersten Kranken nicht zu, bei dem im Gegenlhed
die Krankheit einen rapid raschen Verlauf nahm.
Als das bei weitem wichtigste Symptom bei der Cirrhose betrachten wir die diffuse, allgemein
verbreitete Resistenz, Aufgelriebenheit und Härte im Epigastrium, die sich wie eine dicke mit Luft gefiiH |e
Kugel anfühlt; beim Krebs finden wir einen abgegrenzten Tumor an der einen oder anderen Stelle des
Magens localisirt, oft complicirt mit secundären Krebsknoten in andern Organen.
Ein wichtiges und, wenn es deutlich nachweisbar, sicheres diagnostisches Zeichen für die späteren
Stadien der Cirrhose des Magens bildet der unter allen Umständen gleich bleibende Umfang des resistenten,
glatten Tumors, welcher durch Einführung von Speise und Trank nicht mehr ausgedehnt wird, aber j e
nach der geringeren oder stärkeren Füllung mit Luft oder Flüssigkeit bei der Percussion einen bald
volleren und lieferen, bald leiseren und höheren lympanitischen Schall giebt.
Die grosse Appetitlosigkeit und das häufige Erbrechen, welches gegen Ende immer häufige''
und nicht nur nach der Mahlzeit, sondern auch Morgens nüchtern auftritt, pflegt beim Carcinom sich
nicht mit derselben Regelmässigkeit zu zeigen; bei letzterer pflegt das Erbrechen bei der Erweichung
der Geschwulst zeitweilig zu intermittiren.
Der allgemeine Marasmus ist beiden Krankheitszuständen des Magens gemein, entwickelt sich
aber bei der Cirrhose erst zu höherem Grade, wenn das hartnäckige Erbrechen einlritt.

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