Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1869 (Band XVI.)

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Siebold (Lucina 3 ßd. 1805 S. 372; erzählt 3 Fälle von Geburten, bei Gebärmutter- und 
Scheidenvorfall, darunter 2 bei völlig prolabirlem Uterus 
Der erste Fall betraf eine Frau, bei welcher nach der dritten natürlichen Geburt in der Nach 
geburtsperiode die Gebärmutter vorgefallen war. Obwohl die Hebamme sie sofort zuriickgebracht haben 
sollte, verlor sich bei schwerer Arbeit der Vorfall nie wieder ganz. In den beiden folgenden Schwanger 
schaften trat jedesmal nach 6 Wochen Abortus ein mit beträchtlichem Blutverlust und erneuertem Vorfall 
der Gebärmutter. Die nun folgende 6te Schwangerschaft erreichte dagegen ihr normales Ende, aber 
mit den ersten Wehen fiel die Gebärmutter vollständig vor. 
Siebold sah die tfreissende erst 24 Stunden später, nachdem von 2 Hebammen erfolglose 
Repositionsversuche gemacht waren. Er fand sie mit kaltem Schweisse bedeckt, einer Leiche ähnlich, 
den Puls kaum fühlbar, eine Ohnmacht folgte der anderen Zwischen den Scheukeln beinahe bis an die 
Kniee prolabirf lag die schwangere Gebärmutter; die sie umkleidende Scheide zerkratzt, 'angeschwollen, 
dunkelblau, entzündet; die Vaginalportion wulstig, äusserst intumescirt, kalt, von schwarzblauem Ansehen, 
das Fruchtwasser abgetlossen, der Muttermund kaum 1 " breit geöffnet, dahinter der Kopf des Kindes. 
Nach Darreichung einiger Belebungsmittel wurde die Kreissende auf ein Querbelt gelagert, und während 
der Assistent mit beiden in Oel getauchten Händen die Gebärmutter fasste und in die Höhe hob, dehnte 
Siebold nach und nach den Muttermund bis auf drei Finger Breite im Durchmesser mit den Fingern aus, 
legte die Zange an und extrahirte mit etwa 15 Traclionen einen ausgelragenen todten Knaben, die Nach 
geburt wurde mit der Hand losgetrennt, worauf eine massige Blutung folgte, und darauf die zuvor mH 
Oel bestrichene Gebärmutter reponirt. Die Wöchnerin starb am 2ten Tage nach der Entbindung. 
In dem zweiten Falle hatte sich nach der ersten natürlichen Geburt ein unvollkommener Vorfall 
der Scheide und Gebärmutter ausgebildet. Während der zweiten Schwangerschaft nahm der Vorfall der 
Scheide bedeutend zu. Der nach dem Eintritt der Wehen hinzugerufene Arzt fand die schwange re 
Gebärmutter bis zur Hälfte ihres Körpers aus dem Becken prolabirt, das Wasser war abgeflossen, der 
Muttermund dick, wulstig, 1 " breit geöffnet und durch denselben der Kopf des Kindes sichtbar. Nach 
vergeblichen Versuchen, den Muttermund mit den Fingern zu erweitern, legte dei; Arzt die Zange an, 
allein bei den Tractionen wurde die Gebärmutter nur mehr und mehr aus dem Becken gezogen, der 
Muttermund erweiterte sich nicht im geringsten, begann vielmehr einzureissen. Er stand daher von der 
Operation ab und rief Siebold zur Hülfe. Auch dieser versuchte zunächst, den Muttermund auszudehnen, 
aber umsonst, legte dann abermals die Zange an, und begann, während der College die prolabirte 
Gebärmutter zurückhiell, den Kopf zu extrahiren. Da aber der Muttermund sich auch jetzt nicht 
erweiterte, sondern nur der Riss sich vergrösserte, so schnitt er die Muttermundslippen mit einem 
convexen Bistouri dergestalt ein, dass die eine Incision links nach oben, die andere rechts nach unten 
geführt wurde, worauf es ihm mit wenigen vorsichtigen Tractionen gelang, den Kopf des ausgetragenen 
Kindes zu entwickeln; der Rumpf folgte nach einigen Bewegungen durch Anziehen mit dcu Händen. 
Das Kind war scheintodt, wurde aber in’s Leben zurückgebracht. Die Nachgeburt trennte sich ohne 
bedeutenden Blutverlust. Siebold nahm sie weg und reponirte darauf die zuvor sorgfältig gereinigt 
Gebärmutter. — Bei der dritten Geburt fand der Arzt den Uterus in derselben Weise prolabirt, doch 
reichten dieses Mal die Nalurkräfle aus, die Geburt ohne Schaden für Mutter und Kind zu vollenden, 
worauf er den Uterus reponirte. 
Der dritte Fall betrifft eine Geburt mit Vorfall der Scheide und Tiefstand des Uterus, der jedoch 
das Becken nicht verlassen halte.
	        

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