Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1869 (Band XVI.)

Der Prolapsus uteri gravidi, d h. der mehr oder minder vollständige Austritt des schwangeren Uterus 
durch die Schamspalte, ist allerdings ein nur selten eintretender Zustand, allein ein so ausserordentlich 
gefährlicher und nur bei sorgfältiger ärztlicher Hülfe für die Mutter günstig zu beendender, dass es fast 
fallend erscheinen muss, dass die Literatur sich nicht weit mehr damit beschäftigt hat. 
Veranlasst wurde ich mich mit diesem Thema näher zu beschäftigen, dadurch, dass es m.r 
Ve *'gönnt war, einen derartigen sehr interessanten Fall auf der hiesigen geburtshilflichen Anstalt, an der 
‘ c *i längere Zeit als 11. Assistenzarzt fungirle, zu beobachten. 
Der Prolapsus uteri gravidi ist ein Leiden, das in den ärmeren Ständen,} besonders auf dem 
Lande, verhällnissmässig häufiger, als in den wohlhabenden vorkommt, und mag dies wohl darin semen 
G <-und haben, dass bei den ersteren einmal weit häufiger selbst grössere Dammrupturen übersehen werden, 
und anderntheils auch, dass die ärmeren Frauen, besonders auf dem Lande, oft schon sehr frühzeitig im 
Puerperium das Bett verlassen und nicht nur häusliche, sondern sogar schwere Feldarbeiten verrichten. 
Wenn nun durch diese verschiedenen Gründe ein Prolapsus uteri eingetrelen ist, so lassen solche arme 
Frauen oft, theils durch eine gewisse Stupidität, ihcils durch die Scheu vor Kosten sich abhalten, bei 
Seiten sich an einen Arzt wegen eines passenden Pessariums zu wenden. 
Auch scheint dies Leiden in Gebirgsgegenden, wo die Frauen ausserdem durch die bitterste 
Armulh gezwungen sind, schon unmittelbar nach dem Puerperium, zum Iheil mit schweren Lasten, 
Berge zu steigen, wenigstens nach den Beobachtungen des Medicinal-Raths v. Siebold in Würzburg, in 
dessen Umgebung die angedeuteten Verhältnisse sich finden, unverhältnissmässig häufiger vorzukommen, 
als auf dem platten Lande. Siehold theilt drei von ihm beobachtete Fälle mit, auf die ich später noch 
2urückkommei) werde, während dies Leiden hier im Lande nur so äusserst selten vorkommt, dass ich 
a uf eine Vorfrage bei verschiedenen Geburtshelfern, die schon seit vielen Jahren in weiterem Umkreise 
Zu schweren Geburten zugezogen worden, die Antwort erhallen habe, ein solchci Fall sei ihnen nicht 
^gekommen. Nur von einem Kieler Arzte wurde mir ein Fall mitgetheilt, auf den ich im weiteren 
Verlaufe meiner Arbeit noch zurückkommen werde; jedoch war auch bei diesem Arzte, der eine sehr 
lauge und ausgedehnte, besonders auf dem Lande geübte, geburtshülfliche Praxis hinter sich hat, dieser 
Fall der einzige, der ihm vorgekominen war. 
Die Conception scheint beim Prolepsus uteri nicht sonderlich gehindert zu sein, allein in weitaus 
den meisten Fällen tritt entweder eine Sponlanreposition ein, indem nämlich die Gebärmutter sich 
meist im 4ten öfter aber auch erst im 5ten Monate, aus dem kleinen Becken wegen Raummangels erhebt. 
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