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moralisches Uebergewicht, welches auch ohne jede Zurüstung äusserer Mittel sich
unmittelbar von innen heraus geltend macht und auch von dem rohen Geinüth
instinktmässig empfunden wird.
Es ist am angemessensten, zunächst den Dichter darüber zu hören, der ihre
Entstehung und Wirkung in folgender Allegorie, freilich nicht ganz ohne seine gewohnte
Schalkheit, umschreibt. Nach der Scheidung der drei Elemente der Erde, des Wassers,
der Luft aus dem Chaos war zunächst noch Alles im Weltall an Ehre gleichgestellt,
die Erde dem Himmel, die Sterne dem Phöbus: oft sass ein Gott von geringer Her
kunft, mitten aus der Plebs, auf dem Thron, oft nahm die ehrwürdige Themis den
untersten Platz ein. Endlich vermählten sich Honos und Reverentia: ihre Tochter
ist Maiestas. Gross seit dem Tage ihrer Geburt, mit Gold und Purpur geschmückt,
nahm sie alsbald mitten im Olymp ihren erhabenen Sitz ein und mit ihr Scham
und Furcht, Pudor und Metus. So übt sie ihren stillen Einfluss auf die ganze
Welt: Alle sehen auf sie, Verdienst und Würdigkeit werden nun erst geschätzt. Auch
als die wilden Söhne der Erde, die Giganten, Berge bis an die Gestirne thürmten
und den König der Götter bekriegten, blieb Maiestas, durch die Blitze desselben
geschützt, auf ihrem Platze. Dem Jupiter sitzt sie als treueste Hüterin zur Seite und
macht ihm möglich, sein Scepter ohne Gewalt zu führen. Auch zur Erde ist sie
hinabgestiegen : Romulus und Numa haben sie verehrt und noch Andre zu ihrer Zeit.
Sie schützt Väter und Mütter in ehrfürchtiger Liebe der Kinder; sie ist Begleiterin
den Knaben und Jungfrauen; sie verhilft den Beilen des Lictor und dem elfenbeinernen
Amtsstuhl zur Achtung; sie feiert hoch zu Wagen mit bekränzten Rossen Triumphe.
Also eine hehre Jungfrau ohne Wehr und Waffen, an den Beginn aller Welt
ordnung gestellt. Die Elemente, der äussere Bau der Welt, die Götter, unter ihnen
die Mutter des ewigen Weltgesetzes selbst, sind gegeben, aber jene stille Kraft fehlt,
welche den Gestirnen in ihren Bahnen, den Göttern in ihrem Walten, jedem Wirkenden
in seinem Kreise Geltung und Achtung schafft: ohne sie kein Kosmos, keine Welt
regierung, kein geordnetes Menschenleben. Ohne sie jene öde Gleichheit, die keine
Sitte, kein Recht als das des Stärkeren, überhaupt nichts Edles kennt, in Stumpfheit
verkommt oder in Willkühr sich selbst zerstört. Sie ist ein Weib, weil sie im Ein
zelnen hervortretend nicht giebt, sondern empfängt; die Wurzeln ihres wunderbaren
Wesens sind der innere, thätig sich bewährende Werth und der eingeborene Sinn
für sittliche Würde: zauberartig, man weiss nicht wie, erweckt sie als unzertrenn
liche Gesellen hier (in edleren Gemüthern) den Geist der Pietät und freiwilliger
Ehrerbietung, dort (in roheren Naturen) den Blitz des Schreckens, der den Trotz
zerschmettert. Aber keine Gewalt von aussen, auch keine Fessel der Satzung:

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