30
.grossen Dionysien, etwa seit der Einweihung des neuen Theaters, die Schauspiele der
Lenäen von einem auf drei Tage ausgedehnt und an Stelle der Einzeldramen Tetra-
logieen gesetzt waren. Dann haben wir genügenden Spielraum, um 12 Satyrspiele des
Pratinas mit den entsprechenden 36 Tragödien genügend unterzubringen.
Aber es giebt noch einen andren Gesichtspunkt, von dem aus wir die Con-
jectur Boekhs überhaupt entbehren können. Wer sagt uns denn, dass jene g-cctv^kx
alle auf je drei Tragödien gefolgt seien? Konnte nicht Pratinas, als er mit seiner
Neuerung begann, zunächst auch für ein einzelnes ernstes Drama eine solche Zugabe
dichten, sei es als Vor- oder als Nachspiel? 1 ) Wie, wenn er im Anfänge seiner Lauf
bahn in Athen, da ernste und heitre Stoffe noch nicht so streng geschieden waren,
überhaupt nur Satyrspiele, d. h. echte rauf die Bühne brachte, und später,
seitdem dieselben durch festen Brauch als Schlussstücke der Tetralogie gefordert
wurden, solche für andre Dichter, deren Talent für diese Gattung nicht geeignet war,
anfertigte? So nahm ja auch der Sohn ein Satyrdrama des Vaters für seine Didas-
kalie zu Hülfe. Dann würde sich auch die auffallende Thatsache erklären,' dass er
im Ganzen nur ein einzigesmal den Sieg davon getragen hat (Suhl.). Endlich was
hindert uns anzunehmen, dass Pratinas in seiner Heimath Phlius bereits Chöre von
.Satyrn einstudirt habe? Hätte er sie in Athen wirklich erst erfunden, so konnte
JDioskorides schwerlich den Satyr auf dem Grabe des Sophokles rühmen lassen (an-
thol. VII 37), dass jener den hagebüchenen bäurischen Gesellen aus Phlius in goldne
'1 rächt umkleidete (rov ex, QAiovvtos , eTi r^lßoAov 7fctTeevTct, 7r^/wvov, es %^vaeov cry^ixd
fxe$YU!psactTo), und einen andren auf dem Grabe des Sositheos (anthol. VII 707), dass
dieser epheubekränzte Chöre, würdig der Phliasischen Satyrn, dichtete (exKjaoCpöqwe • . •
öc^ici <£>Ateuerloüv, v«) pct ^o^ovs, accrvqoov')- Ich glaube hiernach allerdings, dass Pratinas
nur eine in seiner Heimath naturwüchsige Spielart des Dithyrambos auf athenischen
Boden verpflanzt hat, wo sie sich in Verbindung mit dem ernsten Drama weiter ent
wickelte. 2 ) Hiernach sind wir nicht in Verlegenheit, selbst 32 Satyrspiele auf eine
jedenfalls nicht kurze Dichterlaufbahn zu vertheilen, und den verhältnissmässig ge
ringen Rest ernster Dramen (18) daneben erklärlich zu finden.
Gewissheit freilich ist bei dem Mangel directer Zeugnisse nicht zu beanspruchen.
Ueberhaupt war es nicht unsre Absicht, hier die Entwickelung der Bühne weiter zu
verfolgen, als für die Untersuchung über die allmähligen Fortschritte des Dionysos-
cultus in Athen unumgänglich nöthig schien. ,! ) Wir haben dieselben ermitteln wollen
') Vgl. G. Hermann praef. Eurip. Cycl. p. XI. Welcher Nachtr. 277 f.
*) Vgl. O. Müller Dor, H 369, gegen den doch Welcker Nachtr. 280 nichts Treffendes
vorbringt, so wenig als gegen die schon von Anderen aufgestellte Möglichkeit, dass anfangs das
Sutyrspiel auch nur mit einer Tragödie möge verbunden gewesen sein.
*) Auch A. Mommsens sehr unsichere Hypothese (Heortol, 58 ff.), dass die städtischen Dio-
nysien an Stelle eines Apollinischen Festes getreten seien, ziehe ich vor auf sich beruhen zu lassen.

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.