Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1869 (Band XVI.)

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Unter Amphiktyon zuerst in die Stadt kommen liess, hierbei an den Einfluss des 
Apollinischen Völkerbundes dachte. 1 ) Und wenn auch in der That Weinbereitung 
und Bacchusdienst, wie natürlich, zuerst auf dem Lande getrieben wurde, so schien es 
doch der Würde der Stadt angemessen, in der Sage schon früher den Gott mit dein 
Könige selbst in gastfreundliche Beziehung zu bringen, statt die Weinbauern zu Lehr 
meistern der stolzen Bürger zu machen. Auch hatte die patriotische Geschichtschrei 
bung ein Interesse, der Stadt in möglichst früher Zeit den Ruhm einer weisen Be 
handlung der gefährlichen Gottesgabe und edlerer Sitte zu sichern. 2 ) Daher die Da- 
tirung vor Pandion. Vermuthlich wollte man auch den Frauen von Semaehos die 
Priorität vor den Ikariern sichern, indem man den Gott schon unter König Amphiktyon 
zu ihnen kommen liess (Eusebius chron. p. 30). 
Auf bestimmter Monumentenkunde aber wird doch wohl beruhen, was in dem 
Bericht des Philochorus bei Athenäus a. a. 0. folgt: Amphiktyon habe im Heiligthum 
der Horen dem Dionysos oqbos und in der Nähe auch den Nymphen, den Pflege 
rinnen desselben, einen Altar gestiftet. Warum sollte dem zeugungskräftigen Spender 
alles Obst- und Gartensegens, zumal der schwellenden Traube, nicht zunächst als 
einem Dämon der Natur ein Altar mit dem Symbol des Phallos errichtet sein, eben 
in der wasserreichen Niederung der Limnai, der athenischen Nysa, wo auch Horen 
und Nymphen ihre heilige Stätte naturgemäss bereits gefunden haben oder gleichzeitig 
finden mochten? Bekannt ist der phallische Dionysos 3 ) und die Rolle, welche er bei 
den ländlichen Festen spielte, bekannt seine Verbindung mit Horen und Nymphen, 
die auf keiner späteren Reflexion beruht, sondern in dem Wesen und Beruf des Gottes 
selbst begründet ist: warum sollte ein so bedeutender borscher classischer Zeit, dem 
die Alterthümer der Heimath aus eigner Anschauung und gründlicher Untersuchung 
aufs genaueste bekannt waren, nicht uralte Heiligthümer aus vorhistorischer Zeit vor 
gefunden haben? wie unwahrscheinlich dagegen der Verdacht, dass er seinen eignen 
Landsleuten den Glauben an fingirte oder postulirte Monumente zugemuthet habe? 4 ) 
') Den Andeutungen der Sage entspricht dagegen nicht die Auffassung des athenischen 
Amphiktyon als Eponymos der zu staatlicher und sacraler Gemeinschaft zum erstenmal vereinigten 
Umwohner — äfiif ixtCovtc — hei Welcker Tril. 302 Nachtr. 208 und Gerhard acad. Abh. II (Anthest.) 208. 
2 ) Von solcher Rücksicht war der Schriftsteller Staphylos aus Naukratis frei, der nach 
Athenaeus II 45 c. den Ruhm jener „Erfindung“, Wasser mit Wein zu mischen, dem Melampus 
zusprach (vgl. Herod. II 49). 
3 ) Herod. H 48. f. Athenaeus XIV 622 c. Lobeck Agl. 661. O. Müller Dor. I 386. 
Böckh Lenäen (Berl. Acad. 1816) 118. Welcker Nachtr. 189. A. 20. Gerhard Anthest. A. 30. 45. 84. 
Es w%r keine ao<pa>T(Qa y^ovils, dass Welcker Gr. Götterl. II 609 unter omit Philochorus den 
„Aufrechtstehenden“, „Nichtberauschten“ als Vorbild ftr die Zecher verstand. 
*) Gegen Welcker Götterl. III 11. An der Thatsache zweifelt nicht Wieseler in der 
Halle’schen Encycl. Griech. Theater S. 173. A. 12. Zwei Horen wie zwei Charitinnen in Athen 
Beit Alters verehrt: Paus. IX 35, 2.
	        

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