Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1869 (Band XVI.)

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das Rehfell geschenkt und sie zu seinen Priesterinnen gemacht hat, so muss jener Demos 
v °n jeher ganz besonders der orgiastischen Dionysosfeier angehangen und seine Weiber 
zur trieterischen Feier um die Zeit des kürzesten Tages auf den Schneegipfel des 
Parnass entsendet haben. Schon der Dichter der Nekyia (Od. 11, 580) kennt die Stadt 
»der schönen Reigen“, Panopeus, wo jene attischen Thyiaden, die „Sausenden“, 
unterwegs zu. rasten und Chöre darzustellen pflegten (Paus. X. 4, 3. 32, 7). 
Weit zurückhaltender gegen den Fremdling verhielt sich die Stadt: die Mil 
derung der bacchischen Wildheit, welche den Athenern nachgerühmt wird (Eusebius 
chron. p. 283), ging von hier aus und ist zunächst angedeutet durch die Erzählung 
des Philochorus bei Athenaeus II 38 c., der König Amphiktyon habe von Dionysos 
zuerst die Mischung des Weines mit Wasser gelernt. Ein Thonbild in einem Hause 
hinter dem heiligen Bezirk des Dionysos, welches uralte Erinnerungen an die Stiftung 
8eines Cultus in Athen bewahrte, stellte jenen König dar, ausser anderen Göttern auch 
den Dionysos bewirthend (Paus. I 3, 6). In welchem Sinne grade dieser vom Mythus 
in solche Beziehung zu dem Gotte gesetzt ist, wird sich nur hypothetisch erklären 
lassen. Er ist in der attischen Königsliste bei Apollodor III 14, 6 der dritte: er 
vertreibt den autochthonen Kranaos, den Nachfolger des Kekrops, und wird nach 
zwölfjähriger Herrschaft selbst wiederum vertrieben von Erichthonios. Manchen galt 
er als Sohn des thessalischen Deukalion, Anderen als autochthon. Nach der ersteren 
Genealogie ist er ohne Zweifel identisch mit dem Eponymos der thessalisch-delphischen 
Amphiktyonie, J ) bei der zweiten könnte man versucht sein, wenn nicht an eine ehemalige 
Aniphiktyonie attischer Stämme zu denken (vgl. C. Fr. Hermann Gr. Staatsalt. § 93, 2), 
von der Nichts überliefert ist, so doch an die alte Amphiktyonie um den Poseidon 
tempel von Kalauria, deren Mitglied Athen war. 2 ) Eine dieser Verbindungen muss, 
wenn wir die Sage deuten sollen, während einer gewissen Periode auf die Bewohner 
der Kekropsburg einen mächtigen Einfluss geübt haben, 8 ) bis eine Reaction von innen 
heraus, durch Erichthonios, den Sohn des Hephästos und der Kranaostochter Atthis 
oder des Hephästos und der Athene, die Herrschaft der Athener herstellte und die 
Religion ihrer Burggöttin als die herrschende begründete (vgl. Grote a. a. 0. 196). 
Wenn die Spuren der Ueberlieferung für Athens Vorgeschichte uns überwiegend wahr 
scheinlich machen, dass jene Regierung Amphiktyons eben die Poseidonische Periode 
bedeuten möge, so bleibt doch daneben die Annahme möglich, dass wer den Dionysos 
') Schömann opusc. I 327 f.: vgl. Grote hist, of Greece I 100. Curtius Gr. Geseh. 190. ff. 
2) Strabo VIII p. 347. Böckh C. I. G. H p. 312: vgl. Grote a, O. I 134. A. Mommsen 
Heörtol. 27 f. 
*) Die Möglichkeit eines von Seiten der delphischen Amphiktyonie ausgeübten Zwanges 
deutet Schömann opusc. I 327 f. und A. 25 an. 
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