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Die Entstehung des von uns beobachteten Venenkrebses lässt eine doppelte Deutung zu:
entweder entwickelte sich der carcinomatöse Thrombus aus einem organisirten oder nicht organi-
sirten Blutcoagulum, wobei im ersteren Falle derAnstoss zur carcinomatösen Umwandlung von dem
Bindegewebe, in letzterem von den weissen Blutkörperchen ausgehen konnte, oder der Thrombus
bildete sich direckt durch eingeschwemmte Geschwulstmassen, die aus den Quellgebieten der Pfort
ader in Magen und Milz stammten. Die letztere Art der Entstehung hat zwar auf den ersten Blick
etwas unwahrscheinliches, da es für gewöhnlich nicht leicht Vorkommen dürfte, dass Venen vom Durch
messer des Pfortaderstammes durch Krebsemboli, die zu ihrer Weiterentwickelung die Capillar-
gefässe aufzusuchen pflegen, verstopft würden. Trotzdem bin ich geneigt, diese Entstehungsweise
für meinen Fall in Anspruch zu nehmen, da die durch die multiplen Carcinome enorm vergrösser-
ten Leberlappen nothwendig auf die Pfortader eine bedeutende Compression ausüben mussten und
somit das Haften der Krebspartikel an dieser ungewöhnlichen Stelle auf mechanischem Wege er
möglicht wurde. Waren erst einige Krebszellen mit der Intima verwachsen, so konnte die voll
ständige und ausgedehnte Obliteration des ■Gelasses in um so kürzerer Zeit vor sich gehen, als wie es in
unserem Falle mit der deletärsten Krebsform, dem Markschamm, zu thun hatten. Auch das in der
Krankengeschichte erwähnte allmählige Auftreten und langsame Anschwellen des Ascites sprechen
für meine Annahme, während einer plötzlichen Thrombose durch Blutcoagulum und nachfolgender
krebsiger Degeneration derselben auch ein plötzlich auftretender und von Anfang an bedeutender
Ascites hätte entsprechen müssen.
Die Folgen der Verstopfung einer Vene durch Krebsmassen für die Circulation in dem
betreffenden Theil sind verschieden nach der Grösse und Lage der Vene und der Ausdehnung des
Thrombus. Ist die Vene klein oder hat der Thrombus seinen Sitz in einem Verbindungsast zwi
schen zwei Stämmen, so ist die Störung leicht und rasch vorübergehend, indem das Blut entweder
durch Nebenäste nach dem freien Theil der Vene fliesst oder zu benachbarten Stämmen seinen
Weg nimmt, die durch Anastomosen mit dem Verstopften in Verbindung stehen. Auch in grossen
thrombosirten Gefässstämmen ist die Circulationsstörung meistens nur unbedeutend, indem sich sehr
bald ein Collateralkreislauf herstellt, durch welchen das Blut, oft auf grossen Umwegen, nach zum
Centrum führenden Gefässen gebracht wird.
Speciell für die Pfortader bildet sich der Collateralkreislauf durch die Anastomosen der
Eingeweideäste mit den Verzweigungen der Iliaca interna, Azygos und Hemiazygos. Da diese
aber nie hinreichend ist, um den anormalen Blutlauf vollständig auszugleichen, so werden wir bei der
Obturation dieses Gefässes Hydrops Ascites als ein constantes Symptom vorfinden, während bei an
deren ebenso grossen Gefässen eine Thrombose stattfinden kann, ohne dass ein hydropischer Erguss
in das betreffende Organ stattzufinden braucht. In den meisten Fällen macht der Venenkrebs gar
keine Symptome und kann deshalb weder von einer Diagnose noch Therapie desselben die Rede
sein. Ueber die klinische Bedeutung der Venenkrebse kann ich deshalb um so weniger etwas an
knüpfen, als alle in der Litteratur bekannten Fälle entweder bei einer vorgenommenen Operation
oder erst post mortem zur Kenntniss gekommen sind.
Schliesslich sei es mir gestattet, Herrn Prof. Bartels, der mir die Veröffentlichung unseres
Falles gütigst gestattete, meinen Dank auszusprechen. Ebenso bin ich Herrn Dr. Edleffsen, der
mich bei der Ausführung vorliegender Arbeit in jeder Weise unterstützte, zu grösstem Dank ver
pflichtet.

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