Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1868 (Band XV.)

Schiefstellung der Linse dargethan. Der Krystallkörper sah also mit seiner Achse nach 
unten und vorn, und es musste, um das Licht annähernd in diese Achse einfallen zu 
lassen, eine Drehung des Auges in umgekehrter Richtung, also nach oben, stattfinden. 
Natürlich durfte diese Drehung keine für die Schiefstellung der Linse compensirende 
sein, weil alsdann das Licht nicht die macula lutea, sondern einen nach oben excen- 
trischen Theil der Retina getroffen hätte. Eben hierdurch erklärt sich auch die un 
vollständige Deckung der Reflexbilder der vorderen und hinteren Kapsel während der 
Fixation mit aberrirender Augenachse. Jetzt begriff ich, weshalb es mir nicht gelingen 
wollte, bei noch nicht erweiterte Pupille den Augenhintergrund bei durchfallendem 
Lichte zu beleuchten: 
Die Kleinheit der Linse, die Schiefstellung derselben und endlich die Accom 
modation für die Nähe, wodurch der Dickendurchmesser zu-, während der Diametralen- 
Durchmesser noch mehr abnehmen soll, liessen mit Bestimmtheit schliessen, dass die 
Lichtstrahlen unter einem so kleinen Einfallswinkel die vordere Linsenkapsel trafen, 
dass zu wenige von ihnen durch dieselbe gehen konnten, um die Retina beleuchten 
zu können, sondern fast alle unter demselben Winkel von der Kapsel zurückgeworfen 
werden mussten. Nachdem aber die Accommodation für die Nähe durch Atropinein 
träufelung gehoben war, und ich die Sehachse meines Auges in dieselbe Richtung 
brachte, in welcher sich die der Linse befand, oder die Patientin nach oben sehen 
liess, so gelang es mir, die Retina und das Linsensystem zu beleuchten und so die 
Luxation der Linse deutlich wahrzunehmen. Ich konnte fast die ganze Linse sehen, 
nur nach oben und etwas nach innen blieb ein Rest derselben von der Iris bedeckt. 
Das Netzhautbild war wegen der diffusen Trübungen in der Linse nicht scharf. Durch 
den nicht von der Linse eingenommenen Theil der Pupille konnte man sowohl im 
aufrechten wie im umgekehrten Bilde ein deutliches Netzhautbild bekommen. Die 
hier vorgenommenen Experimente fielen fast vollkommen mit denen zusammen, welche 
ich bei dem Knaben an demselben Auge vorgenommen hatte. Um Wiederholung zu 
vermeiden, verweise ich auf diesen Fall. 
Werfen wir noch einen Blick auf die wichtigsten Thatsachen zurück, so fallt 
es uns auf, dass die Kurzsichtigkeit der Frau Braasch, die ihres Sohnes und nach 
Angabe der Mutter auch die ihres Grosvaters, die ihrer Schwester und Nichte fast 
genau dieselbe ist. Ebenso ist die Richtung und der Grad der Dislocation der Linse 
aller 5 Individuen im Wesentlichen dieselbe. Keiner von ihnen haben jemals über 
Schmerzen geklagt und nur die hochgradige Kurzsichtigkeit ist ihnen mitunter sehr 
lästig. Auffallend ist es auch, dass das linke Auge bei sämmtlichen in der ganzen 
Familie an diesem Uebel Leidenden von einer viel beträchtlicheren Amblyopie befallen 
ist als das rechte Auge. Bei der Erblichkeit dieses Uebels, über welche wohl kein 
Zweifel herrschen kann, ist das gänzliche Ueberschlagen eines Gliedes etwas ziemlich 
häufig Vorkommendes. Die Mutter der Frau Braasch, sowohl wie die Mutter ihrer 
Nichte hatten beide sehr gesunde Augen.
	        

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