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matik die reine Erhabenheit des religiösen Gefühls als des absoluten oder „schlecht-
hinigen“ Abhängigkeitsgefühls über alle besondere ßewusstseynsbestimratheit hervor
gehoben wird: so soll jenes und die ihm entsprechende Idee Gottes doch, nach
der Gesammtheit der Aussagen Schleiermachers aufgefasst, nicht etwa bloss rein
mystisch negativ für ein über jede Wirklichkeit schlechthin Erhabenes gelten, sondern
es ist nach dem Ausdruck der Reden über die Religion, zusammengenommen mit den
hierher gehörigen näheren Erklärungen der Schleiermacherischen Dogmatik und Dia
lektik, die Religion gleichsam eine heilige Musik, welche all unser Wissen und Thun
in der Art begleitet, dass in ihrer durch unsere liebende Hingabe an die göttliche
Harmonie des Universums vermittelten Harmonie, als deren Grundaccorde, di« Prin-
cipien und Normen unseres Wissens, wie unseres Thuns zusammen angelegt sind.
Die in und mit unserer besonderen, individuellen und momentanen Bestimmtheit in
unserem unmittelbaren* Selbstbewusstseyn gegebene Beziehung auf das absolute Prin-
cip kann nach Schleiermacher freilich eben so wenig als dieses selbst von unserem
ihm zufolge stets speciell bestimmten und bezogenen Wissen vollständig und ent
sprechend erfasst werden; das Vorhandenseyn und die jedesmalige eigenthümliche
Erweisung derselben bleibt dagegen allerdings dem Wissen zugänglich. Aus der im
Religionsprincip mit der wesentlichen Einheit desselben wesentlich bestehenden Man-
nichfaltigkeit speciellerer Principien und dienender Elemente ergiebt sich aber ferner
die Mehrheit der Religionen mit innerlicher Verschiedenheit und ungleichem Werthe
derselben. Und weil der Mensch, was er ist, allemal nur im Zusammenhang mit der
menschlichen Gemeinschaft, welcher er empfangend und gebend angehört, seyn kann,
so schliesst das individuelle unmittelbare Selbstbewusstseyn oder das individuelle
Totalgefühl und namentlich die individuelle Frömmigkeit allemal zugleich ein Gemein-
schaftsbewusstseyn, das Bewusstseyn eines gemeinsamen Glaubens, in sich ein und
wird davon, sowie von den Traditionen und Ordnungen, welche dasselbe repräsentiren,
gleichsam umschlossen. Das Christenthum insbesondere, die Religion der heiligen
Liebe, welche in der Gemeinschaft mit der heiligen Person und vollkommenen Liebes-
wirksamkeit Christi die Aufhebung der mit dem Widerstreit des Endlichen gegen
Gottes heilige Ordnungen gegebenen Gottentfremdung inne zu haben sich freut, bleibt
demzufolge mit Christo und allem was sich in der Geschichte als ächte Fortsetzung
seines Wirkens darstellt, in unauflöslicher Beziehung. Darin besteht also die der
christlichen Theologie eigenthümlich und selbstständig angehörige wissenschaftliche
Aufgabe, dass sie die Frömmigkeit, den Glauben und die Traditionen der Christenheit,
wie dieselben thatsächlich gegeben sind, darlegt und verstehen lehrt, so wie eben
damit zu ihrer Behauptung und weiteren Uebertragung befähigt.
Die Theologie ergiebt sich aber Schleiermacher als in diesem ihrem eigen-
thümlichen Wesen zugleich mit der Anlage zu voller wissenschaftlicher Freiheit be
stehend. Denn es gelten ihm die religiösen Gemeinschaftstraditionen ja nicht sowohl

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