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die allerdings auch von ihm vorzugsweise geltend gemachte individuelle Eigentüm
lichkeit nach ihrer centralen religiösen und sittlich religiösen Bestimmtheit und Be
dingtheit in Betracht gezogen wissen wollte und diese Idee als seine charakteristische
Grundanschauung behauptete, welchen Standpunct unter Anderem auch seine um diese
Zeit von ihm gehaltene und herausgegebene Predigt über das Thema: „Dass Vorzüge
des Geistes ohne sittliche Gesinnungen keinen Werth haben“, nach Anleitung des
paulinischen Textest 1 Cor. c. 12, v. 31 und c. 13, v. 1 bezeugt, welcher die Liebe
für die beste Gabe erklärt, ohne welche das Reden mit Menschen- und Engelzungen
nur ein tönend Erz und eine klingende Schelle sey.
Freilich ist auch Schleiermacher unter diesen seinen Verhältnissen von Ver
suchungen, Irrungen und Verfehlungen nicht frei geblieben. Sein Freund Friedrich
Schlegel veranlasste in anstössiger Weise Mendelssohns Tochter Dorothea, verheirathete
Veit, dieses ihr Ehebündniss zu trennen und mit ihm selbsf darnach ein neues ein
zugehen, wie sie denn auch späterhin mit ihm zum Katholicismus übergetreten ist.
Ausserdem begann Friedrich Schlegel mit diesem seinem Verhältniss im Zusammen
hang einen leichtfertigen Roman, unter dem Titel*: „Lucinde“, herauszugeben, der ihm
viel Vorwürfe zuzog. Schleiermacher meinte nun, von Schlegel gedrängt, es der
Treundestreue schuldig zu seyn, dieses von ihm überschätzten Buchs in seinen übri
gens niemals öffentlich von ihm als seine Arbeit anerkannten „vertrauten Briefen über
die Lucinde“ sich anzunehmen, in welchen er nemlich den an sich sehr wahren und
schönen Gesichtspunct vertheidigt, dass auch die sinnliche Seite der geschlechtlichen
Liebe, im Zusammenhang mit der geistigen aufgefasst, durch ästhetische, wie durch
religiös-sittliche Schätzung alles ihr Angehörigen geadelt werden könne und solle.
Zum Kreise der genauen Bekannten Schleiermachers gehörte Eleonore Grunow, eine
geistreiche Frau, welche, in kinderloser Ehe mit dem ihr geistig untergeordneten Pre
diger Grunow verbunden, zu diesem in keinem wahren, innerlichen Verhältniss stand,
dagegen Schleiermacher und diese Frau eine starke wechselseitige Anziehungskraft auf
einander übten. Nach dem damals von ihm vertretenen Grundsatz nun, dass eine
solche Ehe, wie diese Grunow’sche, wesentlich unsittlich sey, drang Schleierraacher
auf Scheidung derselben, um sich sodann selbst mit seiner Freundin zu vermählen.
Auch die Letztere ging auf diese, sechs Jahre lang, 1799 bis 1805, von Schleiermacher
gehegten Pläne und Hoffnungen mit ein; darnach aber brach sie zuletzt, unmittelbar
vor der wirklichen Vollziehung der auch von ihren Verwandten betriebenen Scheidung,
durch Gewissensbedenken geängstigt, ihre übrigens durchaus unanstössig verbliebenen
Beziehungen zu Schleiermacher plötzlich ab und kehrte zu ihrem Manne zurück. Als
Schleiermacher und Eleonore Grunow lange nachher, 1819, einander wiedersahen,
erklärte der Erstere, damals schon seit 1809 mit der jungen Wittwe seines früh ver
storbenen Freundes, des Predigers Ehrenfried von Willich auf Rügen, Henriette, ge-
borner von Mühlenfels, würdig und glücklich vermählt, seiner früheren Freundin und

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