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Rathschluss mit dem königlichen Ehrenamt betraut sind, als Hüter der Sterblichen
auf Erden zu walten; in Nebel gehüllt fliegen sie überall ^hin, Segen spendend, über
Recht und Frevel, auch über die Sprüche der Könige wachend, drei Myriaden an
der Zahl.
Er kennt also nur gute Dämonen, welche dem durch eigene Schwäche und die
verderbliche Gabe der Pandora herabgekommenen Menschengeschlecht in seinem Jam
mer und Elend beistehen. Aber der nachdenkliche Phokylides e^us Milet, wo die ionische
Philosophie bereits in Blüthe stand, ist nicht der erste gewesen, der zwischen wohl-
und übelwollenden Dämonen unterschied; schwerlich hat auch sein Zeitgenosse,
der durch politische Umwälzungen verbitterte Theognis von Megara, zuerst über ihre
* Launen geklagt, dass so Vielen wider Verdienst ein trefflicher Dämon zur Seite stehe,
der thörichtes Beginnen zum Guten lenke, anderen dagegen mit trefflichem Rathschluss
Begabten ein nichtsnutziger Dämon alle Mühe vereitele. Um das zu finden bedurfte
es weder des besonderen Einflusses orientalischer Lehre, noch der Weisheit griechischer
Philosophen, soviel auch diese seit Thaies und Pythagoras mit jenen geheimnissvollen
Wesen sich beschäftigten.
Der Tragödie, zumal des Aeschylos, war die Vorstellung von einem finsteren
Geist, der durch uralte Schuld geweckt und durch immer neue genährt einzelne Häuser
bis zur Vernichtung heimsucht, geläufig. Eines freundlichen Familiendämon gedenkt
Niemand deutlich, soviele sich dessen unbewussterfreuen mochten. Aber schon früher
sprach es der tiefsinnige Herakleitos aus, dass des Menschen Charakter sein persön
licher I^ämon sei. Damit verwandt, aber etwas mystischerer Natur war das Dämonion
des Sokrates, das ihn, wie er rühmte, seit seiner Kindheit mit unfehlbarer Sicherheit
von falschen Wegen abmahnte. Und in der That hat in keinem Griechen die Stimme
des sittlichen Gefühls, welches auch die Wege zur wahren Zufriedenheit lenkt, so ver
nehmlich das ganze Leben hindurch gesprochen. Seit ihm ist in der Philosophie diese
ethische Auffassung des Dämon hervorgetreten, wie denn auch Platon die Vernunft,
insofern sie ein Ausfluss der göttlichen Vernunft sei, als den wahren Schutzgeist des
Menschen erkannte, den zu pflegen, dem zu gehorchen Jeder sich schuldig sei. Aber
der populäre Glaube, je mehr das Vertrauen zu den Olympiern, durch schwere Schicksals-
srhläge erschüttert, welche über das Vaterland nicht ohne eigene Schuld der Bürger
hereingebrochen vielen Einzelnen ihren Wohlstand zertrümmert hatten, zu frösteln be
gann, je mehr ihm die väterliche Obhut des Zeus und das Walten der Dike, einst von
den Dichtern so ergreifend besungen, hinter den Wolken verschwand und der sitt
liche Halt des Charakters gebrochen war, desto näher zog er jene unmittelbar ein
greifenden Zwischenwesen an sich heran und mochte am liebsten in der mehr oder
weniger phantastisch ausgeführten Vorstellung Beruhigung finden, dass jedem einzelnen
Menschen von seiner Geburt an bis zum Tode ein besonderer Dämon als leitender
Mystagog durch das Leben zugeloost sei.

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