Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1868 (Band XV.)

20 
Der alte, in der Politik ergraute Kurfürst 57 ) wollte, wie es scheint, die 
Hände sich nach keiner Seite hin binden. Noch einmal versuchte er es, Fer 
dinand zu einer weniger spanischen Politik zu bestimmen, 58 ) ehe er sich mit Frank 
reich dann in bestimmte Verhandlungen eingelassen hat. Aber schon die Möglichkeit, 
dass die alten ligistischen Pläne Maximilians wieder auftauchen, dass die einst katho 
lische Liga sich jetzt schliesslich zu einer katholische und evangelische Stände gleich- 
massig umfassenden Reichs- und Friedensliga erweitern könnte, musste bestimmend 
auf die Politik der Grossmächte einwirken. Vor allem musste der Kaiser erkennen, 
dass er seine Stütze in dem Deputationstage nicht mehr fand. Der nutzlosen Ver 
handlungen müde, war Alles entschlossen, ernster an das Friedensgeschäft selbst zu 
treten. 59 ) 
ln Münster und Osnabrück hatten während des Sommers 1644 die Verhand 
lungen, je nach dem Stande der Watfen, hin und her geschwankt. Der Streit drehte 
sich zunächst um die Formalitäten in Betreff der Vollmachten. Die reinen Aeusser- 
lichkeiten, um die es sich dabei handelte, dürfen füglich übergangen werden. Der 
Kern der Sache lag verborgen; es galt auch hier noch, seine Kräfte zu messen, Po 
sition zu fassen, nach politischen Combinationen zu suchen, die für den Beginn der 
eigentlichen Verhandlungen über gegenseitige Bedingungen und Forderungen von 
wirklicher Bedeutung werden konnten. Wenn bis zum Juli hin die Franzosen als die 
nachgiebigem erscheinen, die Schweden sogar mit einem völligen Abbruche der Ver 
handlungen drohen, so ändert sich das bald mit den Augusterfolgen der französischen 
Waffen. 
Zunächst wurden die Kaiserlichen etwas kleinlauter, ihr Hochmuth stimmte sich 
bedeutend herab. 60 ) Sie verstehen sich jetzt plötzlich zu der Mittheilung der Voll 
machten. Die zwischen den Höfen von Wien und Kopenhagen eingetretene Span 
nung 61 ) hatte bewirkt, dass der dänischen Vermittelung mit keiner Sylbe weiter ge 
dacht ward. 
So kam man überein, für die Vollmachten ein gemeinschaftliches Formular 
aufzusetzen. Da waren es nun die Franzosen, die allenthalben Schwierigkeiten zu 
finden wussten, besonders bei dem die gegenseitigen Verbündeten betreffenden Ab 
schnitte, in welchem natürlich die Frage über die Reichsstände mit eingeschlossen lag. 
j7 ) Neg. seer. I. 250 un Prince qui se peut dire un des plus rafinez et adroits, qui vivent aujourd’hui. 
5S ) Schreiber 840. 
59 ) Urk. u.Aot. I. 860. Wessenbeck unter J, Novbr, 1644. 
6U ) Nous voyons dejä, que les Imperiaux oat beaucoup diminue leur fiertd, Schreiben der franz. 
Gesandten 17. Septb. Neg. seer. II. 138. 
fil ) „Das der Kaiser bei Dennemark die Hülfe nicht gefunden, so er vermuthend gewesen.“ Chem. IV. 
4. c. 30.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.