Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1864 (Band XI.)

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Methode, die Klarheit seines Urtheils und der edle Wahrheitssinn, der dein Mann der Wissen 
schaft die Weihe giebt, bürgten ihm und uns für seine Zukunft. 
Keinem, der ihm irgend wie näher getreten, wird entgangen sein der gewissenhafte Ernst, 
den er jeder amtlichen wie geselligen Obliegenheit widmete, die Gesinrmngstreue, womit er der 
Sache des Landes und der Würde unserer Universität unerschütterlich anhing. So anspruchslos 
er die eigene Persönlichkeit zurückzustellen geneigt war, so fest hielt er innerlich und war er 
bereit, zu vertreten, was er als recht und gut erkannt hatte. Aber nur Wenigeren, zu deren 
Wohlwollen und Zuneigung er unbedingtes Zutrauen gewonnen, eröffnete sich die volle freie 
Liebenswürdigkeit seiner feinen Natur: die stille Heiterkeit seines Wesens, die Tiefe seines kind 
lichen Gemüths, die sinnige Anmuth, worin er des Lebens kleine Reize zu kleiden wusste, und 
ein gutmüthig schalkhafter Zug, der den grundehrlichen Augen so wohl stand. 
Ein warmes treues festes Herz hat dem Lande, seinen Freunden und Nächsten ausgeschlagen, 
eine Bliithe ist gefallen. Aber „wen die Götter lieben, den lassen sie jung sterben.“ Sein Leben 
war ein stetes Gewinnen fast ohne Verlust; eines Kindes Züge, den seinen gleichend, lachten noch 
zu ihm auf; in dem freudigen Glauben an ein Wiedersehen seiner Geliebten ist er geschieden, und 
die Achtung und Liebe, die er hinterlässt, wird das Andenken an diese „reine Seele“ nicht wel 
ken lassen. W. R. 
Die Beerdigung fand unter allgemeiner Theilnahme statt; hatte doch der Verstorbene in 
der kurzen Zeit seines Hierseins sich Achtung und Freundschaft weit über den Kreis seiner 
Berufsgenossen erworben. Die Studirenden hatten am Vorabende die irdischen Reste ihres Lehrers 
im Trauerzug zur Kirchhofskapellc gebracht. Dort sprach am Begräbnisstage, am 31. Januar, vor 
geschmücktem Sarge zu den zahlreich Versammelten Kirchenrath Lüdemann wie folgt: 
Allmächtiger, der Du sprichst — so leben wir — und der Du wiederum sprichst — so 
fahren wir dahin, und wer unsere Stätte sucht, findet sie nicht mehr — was sind wir Menschen, 
dass wir so sicher leben? Aber so siehst Du auch unser keinen hier. Gebeugt und gedemtithigt 
unter Deine gewaltige Hand stehen wir alle um diesen Sarg. Wo sollen wir bleiben vor Dir ? 
Ach, vor Dir nirgends. Nur in Dir ist unseres Bleibens — o Du, unsere Zuflucht für und für! 
Sei es uns auch heute, und stärke uns so zum letzten Gang mit diesem Entschlafenen! Amen. 
Theuere Freunde! 
Tief erschütternd war für uns Alle die Kunde, dass er nicht mehr unter den Lebenden 
sei. Hatten wir ihn doch noch gesehen vor wenig Tagen! Hatten wir doch von ihm stets nur 
den Eindruck blühender Gesundheit und Kraft! Hatte er doch noch nicht weit die Schwelle 
überschritten, welche das frische Jugendalter trennt vom kräftigen Manncsaltcr! Hatte er doch 
noch nicht lange unter uns festen Fuss gefasst, und eine verheissungsvolle Thätigkeit entwickelt! 
Blühete ihm doch erst seit wenig Jahren ein häusliches Glück, wie er cs sich gewünscht, an der 
Seite einer edlen Gattin, und erhöht durch die Gottesgabe eines lieblichen Kindes! Wer hätte 
gedacht, dass er dem Allen so bald schon entrissen werden, und dass aus unserem Kreise gerade 
er zuerst dem Freunde nachfblgen sollte, an dessen Sarg er vor kaum einem Jahre mit uns 
stand, und dem er ein so schönes Denkmal gesetzt hat in seinem sinnigen Wort! Wer hätte 
gedacht, dass wir gerade über seine Gattin und sein Kind zuerst wieder hcrabflehcn sollten, was 
der barmherzige Gott von Trost, Schutz und Hülfe bereit hat für die Verlassenen? Wer hätte 
gedacht, dass wir Alle so bald schon missen sollten, was gerade in seinem Wesen und Wirken 
unserer Hochschule, unserem Vaterlando, und dem engeren Kreise der Berufsgenossen und Freunde 
gegeben war? Aber „so viel der Himmel höher ist als die Erde,“ spricht der Herr, „so viel sind
	        

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