Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1865 (Band XII.)

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kanntlich die göttliche Coinödie in 3 Theile, das Inferno (die Hölle), das Purgatorio 
(das Fegefeuer), das Paradiso (das Paradies), jeder Theil in 33 Gesänge ausser dem 
Eingangsgesang in das Inferno. Dantes Gedicht ist die ganze Theologie des Christen 
thums und der christlichen Kirche, vergegengewärtigt und versinnlicht in der aller 
realsten und concretesten Gestalt für das unmittelbare Bewusstsein jedes Christen. 
Das natürliche Sein des Menschen ist die Sünde, von ihr kann er nur befreit werden 
durch Busse und Gnade und durch die Busse und Gnade hofft er theilhaftig zu wer 
den der ewigen Liebe und der ewigen Seligkeit. Dies ist die Summa der ganzen 
christlichen Lehre, dies die Summa und der ganze Gedankengang der göttlichen Co- 
inödie und mithin enthält sie ganz Bekanntes. Die Wanderung durch die Hölle ist 
der Gang der Erkenntniss eines menschlichen Lebens ohne höheres Licht. Dieses 
beginnt mit der natürlichen Fehlerhaftigkeit des sinnlichen Wesens und sinkt endlich 
bis zur absoluten Bosheit der des Bösen sich freuenden teuflischen Natur. Bei der 
Durchführung dieses Gedankens benutzt Dante die Mythologie und Geschichte, alle 
Städte Italiens und alle Stände. Rücksichtslos, aber mit weichem Herzen lässt er in 
seinem Inferno das furchtbarste Strafgericht walten, aber alles drastisch, Alles in Ge 
stalt und Handlung, darum nannte er sein Werk Komödie, d. h. Darstellung in wirk 
lichen Personen, wirkliches Schauspiel. 
Der Tiefe der Hölle gegenüber steht die Höhe des Purgatorio, der Bussberg, 
wo die Sünde ein Mittel findet sich zu reinigen. Alle Lehren der Moral, die An 
schauungen über das Böse und Gute, über die Sitten aller Zeiten werden in die 
sem Theil und desgleichen wieder beständig in Gestalt und wieder zusammenge 
drängt. 
Dann folgt die Rettung und die ganze Wonne der Seligkeit wird geschildert. 
Dies ist das Paradies. Bis dahin führte Virgil den Dante, jetzt wird die Beatrix seine 
Führerin. In dem Paradies ist es die Stelle 2. Corinther 12, 4 „er ward entzückt in 
das Paradies und hörte unaussprechliche Worte, welche kein Mensch sagen kann“. 
Dante steigt hier von Planet zu Planet bis zu den Fixsternen. Dies Emporsteigen 
ist Sinnbild der Erhebung von höherer zu höherer Erkenntniss, Liebe und Seligkeit. 
Hier ist die Philosophie Dante’s über Weltschöpfung und Offenbarung, seine ganze 
Mystik, der ganze Kern der scholastischen und aristotelischen Philosophie, der ganze 
Pomp und Glanz des Cultus. Aber alles als Dichtkunst, nicht als Lehre, nicht als 
Philosophie, nicht als Theologie, nicht als Moral, nicht als Predigt, sondern als 
Kunst. Die Kunst ist das Wahre, Allgemeine, aber nicht in der Form des Begriffs, 
sondern in sinnlicher Gestalt und nie, nie vor und nach, gab es einen Dichter von 
solcher sinnlichen Wucht, von solcher sinnlichen Majestät, wie Dante. (Alle Künst 
ler könnten aus ihm entlehnen, selbst die Landschaftsmaler). Nun ist aber das Sinn 
liche das Leichteste, was es giebt. Die Kunst gab Gott den Menschen, damit das 
Ewige auch in Form der Anschauung vorhanden sei und die Anschauung ist bekannt-
	        
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