Full text: (Band XII.)

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allen christlichen Ländern die individuelle Innerlichkeit steigert. Daher, sagt der 
grösste Kenner der Volksgeister, ist solcher Character der weiblichen Natur gemässer 
als der männlichen. Die italienische Individualität hat sich daher als weibliche zu 
ihrer höchsten Schönheit ausgebildet; nicht selten sind italienische Frauen und Mäd 
chen, die in der Liebe unglücklich waren, in Einem Augenblick vor Schmerz gestorben, 
so sehr war ihre ganze Natur in das individuelle Verhältniss eingegangen, dessen 
Bruch sie vernichtete. 
Genug, der Eindruck dieses Kindes, der Beatrix, war auf Dante wie der einer 
Transfiguration, und als sie nun jung starb, wurde sie der schwärmerischen Dichter 
seele die beständige Begleiterin aus dem Himmel. Ein ganz neues Leben, wie er 
selbst sagt, vita nuova, begann in ihm seit diesem Tode. Dante wäre nicht ohne 
die Beatrix. 
Doch fahren wir in seinem äusseren Leben fort. 
Als er heranwuchs zum Jüngling, begann er das gesammte Gebiet des mensch 
lichen Wissens sich anzueignen. Er studirte die damals herrschende scholastische 
Theologie und Philosophie, vor Allem die Mystik Bonaventura’s. Wir dürfen wohl 
behaupten, dass Bonaventura das dritte hervorragende Moment ist, ohne das Dante 
nicht da wäre. Sollte Dante im 13. Jahrhundert geboren werden, so musste Bona 
ventura ihm vorangehn. Denn Bonaventura ist als Philosoph das, was Dante als 
Dichter und durch die Philosophie ging damals der einzige Weg zur Bildung. Nun 
war aber Bonaventura ein Schüler des Alexander von Haies, der 1245 starb. 
Alexander von Haies war aber der erste Scholastiker, der die gesammte Philosophie 
des Aristoteles und zugleich einen Theil der Commentare von arabischen Philosophen 
gekannt und in den Dienst der christlichen Kirche gestellt hat. Kurz, das Mittelalter, 
das so lange von der Vergangenheit abgeschieden gewesen war, trat mit ihr wieder 
in Berührung. Von Aristoteles hatte man nur wenig gekannt, jetzt kam er im 
volleren Umfang wieder. In den dürren Scholasticismus trat die durch die Araber 
ausgebildete Theosophie und orientalische contemplative Mystik, platonisirende ideale 
Richtung. Die Morgenröthe unserer modernen Zeit begann. Nach einer andern Seite 
nennt man auch diesen welthistorischen Umschwung die Periode des Wiederauflebens 
der Wissenschaften, den Enthusiasmus für die Alten, der in diesem Jahrhundert sei 
nen Anfang nimmt. Die Mystik hat ihren Sitz in den Tiefen des Gemüths, als des 
unverwüstlichen Triebes, sich in unmittelbarer Weise in das Göttliche zu versenken. 
Sie bricht immer hervor wie ein Vulcan, wenn todtes Formelwesen lange den mensch 
lichen Geist gebannt hielt. Wir wissen, was Luther diesen Mystikern verdankt. Sie 
haben zugleich viel an sich von der poetischen Schöpferkraft und Dante, der ein 
gelehrter Scholastiker war und Theolog, in seinem primitiven Sein und Beruf aber 
Dichter, wurde genährt, geläutert und gezogen durch Bonaventura’s wissenschaftliche 
und tiefsinnige Mystik. Hundert Jahre früher war kein Dante möglich.
	        
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