Full text: (Band XII.)

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und der schlechten Wirklichkeit, nicht aber den Menschen, der der Erfüllung sitt- 
licher Forderungen entgegen geht. 
Da in der Demokratie der nur funktionelle Unterschied von Obrigkeit und 
Unterthan auf der trügerischen Voraussetzung der Gleichheit ohne essentielle Ver 
schiedenheit ruht, so tritt statt desselben noch ein anderer Gegensatz in ihr mit 
Nothwendigkeit hervor, der im Staate die Herrschaft führt. An seine Stelle tritt der 
Gegensatz und die Herrschaft der Parteien. Keine Demokratie ohne Parteiherrschaft, 
welche stets irregulär und chaotisch ist. Kein Staat ohne Parteien, aber nicht die 
Parteien, sondern die Obrigkeit soll im Staate herrschen. In der Demokratie aber 
ist die Parteiherrschaft unvermeidlich, sie ist in ihr die nothwendige Ergänzung ihrer 
unzureichenden Voraussetzung über das Wesen des Menschen. Der Theorie nach 
soll in der Demokratie herrschen der Beste und Würdigste unter den Gleichen, der 
That nach aber herrscht nur der Parteimächtigste. Es herrscht nicht der Staat, son 
dern die mächtigste Partei über die schwächere. Der Theorie nach ist die Demokratie 
die freieste Staatsform, worin Alle gleich gestellt sein sollten, der That nach aber 
ist sie oft nur die Despotie der mächtigsten Partei. Die Demokratie ist am wenig 
sten Staat, am meisten Volk. 
Die Demokratie ist die Herrschaft der Mehrheit über die Minderheit, die 
Aristokratie ist umgekehrt die Herrschaft einer Minorität über die Majorität. Der 
Gegensatz von Obrigkeit und Unterthan, der den Staat ausmacht, ist in der Aristo 
kratie ein ständischer. Funktionell ist dieser Gegensatz nur innerhalb des herrschen 
den Standes. Dem Volke gegenüber aber ist der Gegensatz ein ständiseher. Durch 
die Mitgliedschaft an dem herrschenden Stande ist die obrigkeitliche Funktion bedingt. 
In einer Aristokratie entsteht hieraus aber eine zweifache Herrschaft, die des 
Standes über das Volk und die Parteiherrschaft innerhalb des bevorzugten Standes, 
denn jede Aristokratie ist in sich selbst eine Demokratie. In dem Stande ist Gleich 
heit und der Unterschied von Obrigkeit und Unterthan nur ein funktioneller. Es 
wiederholt sich in dem herrschenden Stande Alles im Kleinen, was in der Demokratie 
sich darstellt. Die Parteiherrschaft in der Aristokratie ist aber um so gefährlicher 
als sie ihrem Wesen nach keine öffentliche und gemeinsame Angelegenheit des Volkes 
ist, wie in der Demokratie, sondern nur eine geheime Standesangelegenheit. 
Dazu tritt aber noch die Herrschaft des aristokratischen Standes über das 
Volk. Aristokratie ist Doppelherrschaft. Alle Staatshandlungen haben daher in ihr 
einen sehr zusammengesetzten Charakter, sie haben immer wenigstens zwei Motive, 
ein demokratisches innerhalb der Aristokratie und ein aristokratisches im Verhältnisse 
zum Volke. Ausgebildete Aristokratien sind daher auch meistens sehr verwickelte 
Staatsmaschinen. 
Innerhalb des herrschenden Standes gilt die oben verzeichnete demokratische 
Auffassung über das Wesen des Menschen, im Verhältnisse zum Volke aber tritt die
	        
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