Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1857. (Band IV.)

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Jahre vergingen, da man noch mit wenigen Worten über Carstens hinwegging. Eigen. 
Jetzt wird es mit jedem Tage schwieriger, ihn zu würdigen, weil er in den wenigen 
Werken, die er hinterlassen, mit jedem Tage judendlicher, mächtiger, einflussreicher 
wieder aufersteht. Heute zweifelt niemand mehr, dass Carstens der Vormarin und 
Führer der neueren historischen Kunst in Deutschland ist und es noch viel mehr sein 
und zwar nicht „gewisser Maassen,“ nicht nebst und mit anderen, sondern 
muss, 
er eben und ganz bestimmt er. Je unersetzlicher seine Werke, meistens nur 
Cartons, sind, desto lebhafter werden wir alle einstimmen in den Dank, welchen wir 
Sr. Königlichen Hoheit dem Grossherzog von Weimar zollen, der mit hoher Huld ge 
stattete, dass für dieses Fest fünf der besseren Cartons von Carstens hieher gesandt 
wurden. Nicht minderen Dank schulden wir für die Uebersendung zweier Cartons 
von Carstens der Königl. Akademie der Künste in Berlin. 
Unsere Ausstellung enthält 120 Gemälde von 60 Künstlern', 15 Verstorbenen 
und 45 Lebenden, worunter auch einige Architekten. — Von 16 Künstlern, die uns 
bekannt waren, haben wir keine Gemälde herbeischaffen können. — Sowol die 
Künstler als viele Eigenthümer der Gemälde haben mit der grössten Bereitwilligkeit 
und mit sichtlicher Freude unserer Aufforderung entsprochen. Die Künstler, über 
ganz Europa zerstreut, fühlen sich nach ihren Briefen durch das vaterländische Unter 
nehmen gehoben, und so Gott will, werden sie künftig durch unsere neue Kunst 
halle mit ihrer Heimath und dadurch zugleich unter einander in treuer Verbindung 
erhalten werden. Ja, es wird von heute an eine neue Aera in der Kunstliebe, in 
dem Verständniss der Kunst beim Volk, nicht ohne Einfluss auf das Schaffen selbst 
unter den Künstlern, die mit Liebe und Anhänglichkeit ihrer Heimath zugethan sind, 
beginnen. — Und lassen Sie uns diese Hoffnung nicht bloss auf die bildende Kunst 
beschränken. Die Fähigkeit unseres Volks reicht weiter, als wir gewöhnlich annehmen. 
Der Unterschied von früher und jetzt bestehe darin, dass wir es wissen, dass wir 
fördern, dass wir das Ziel in jeglicher geistigen Entwickelung hoch stellen und dann 
mit vereinten Kräften nach dem Ziel streben. — Es ist dem, der die Ehre hat vor 
Ihnen zu reden, als dürfte er Zukünftiges verheissen, — nicht wie die alten Orakel, 
welche in dem Doppelsinn die Sicherung ihrer Erfüllung enthielten. Doppelsinniges 
ist nichts in dem Gesagten, soll nichts darin sein. Aber dass erfüllt werde, was wir 
hoffen, bauend am eigenen Heil ohne Neid, das liegt nicht in dem Wissen des Re 
denden, sondern in dem Wollen der Hörer.
	        

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