Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1857. (Band IV.)

21 
Kunstkennern sich einen so grossen Ruhm erworben, welche in dem Lande der Künste 
jedem nicht oberflächlich Gebildeten bekannt sind, muss man da nicht glauben, es 
sei hier in unserem kleinen Ländchen mehr Kunstsinn, mehr Fähigkeit das Wesent 
liche des Schönen aufzufassen, und mehr Liebe und Bereitschaft, sich für die Kunst 
aufzuopfern, als — das Verhältnis berücksichtigt — in irgend einem andern Lande? 
Freilich ist ein Kunstwerk beurtheilen, die Geschichte der Kunst, ihre allmälige 
Entwickelung durchschauen nur die eine, schwächere Seite. Die Bedingung von 
beiden ist das Kunstwerk selbst. Vielleicht mag ein \ olk reich sein an Geistern mit 
Scharfblick und sichtendem Verstand, aber es ermangelt der schöpferischen Talente, 
welche der Theorie den Stoff bieten. — Haben doch z. B. die Herzogtümer keinen 
einzigen berühmten Componisten aufzuweisen, und gleichwohl ist, wie Ihnen allen 
bekannt, der Verfasser eines der bedeutendsten Werke der Gegenwart über die innere 
Entwickelung eines der grössten Meister der Töne ein Holsteiner. — Auch mag ein 
Volk zu einer Richtung der Kunst befähigt sein, zu einer andern nicht. Wäre es 
eine feststehende Wahrheit „Holsatia non cantat,“ so stammen doch aus unseren 
Herzogtümern eine Reihe hervorragender Dichter, unter welchen neben anderen 
lebenden einer, der vorzugsweise und vorn ersten Erscheinen an ein Liebling der 
Deutschen Nation geworden, jetzt unter uns weilt. 
Wir fragen also mit Recht, in welchem Verhältniss steht denn nun bei uns 
die schaffende Kunst zu der Kunstwissenschaft, die wir durch so bedeutende einhei 
mische Kräfte vertreten sehen. Unsere Kirchen, die Gemälde in denselben, die 
Schnitzwerke in Holz belehren uns, dass es früher eine Periode gegeben, in welcher 
die Kunstthätigkeit in den Herzogtümern blühte. Der Kunstverein hofft, allmälig 
die Kunstgeschichte jener früheren Periode durch Mitteilungen besonders Seitens der 
Herren Prediger aufzuklären. Von unserer Gegenwart aber ist jene frühere Kunst 
epoche durch eine lange Zeit der Verflachung und der Leere gänzlich abgeschnitten. 
Die Frage tritt völlig neu an uns heran. Die Antwort auf diese Frage werden Sie 
Sich sogleich selber geben. — Giebt es ein Verdienst, worauf das Directorium glaubt 
stolz sein zu dürfen, so ist es dieses, dass es, Ihnen und uns allen unerwartet, eine 
reiche Sammlung von Gemälden einheimischer Künstler Ihnen vor Augen stellt, Ge 
mälde zum Theil von hohem und anerkanntem Werth, alle aber würdig, in dieser 
schönen Vereinigung, an diesem schönen Tage, von diesem Verein der Kunstfreunde, 
die zugleich die Freunde, Verwandte, Landsleute der Künstler sind, mit Ernst und 
mit einem freudigen Blick auf die Gegenwart und in die Zukunft betrachtet zn werden. 
Es soll nicht von Einzelnen geredet werden. Ein Freund meinte, allein über 
As in us Jacob Carstens lasse sich nur viele Stunden reden, oder gar nicht. Das ist 
wohl richtig heute. Im Anfang des Jahrhunderts konnte noch kurz über ihn geredet 
werden, es sei denn, dass einer ihn so kannte, und so in die Zukunft sehen konnte, 
wie sein Freund und Biograph Fernow. Aber selbst nach dem Jahre 1806, wie viele 
3 *
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.