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suchend, behaupten, er sei an dem Delirium schuld, auch dafür anzu
sehen. Gerade bei Trinkern gehören ja Streitszenen zu den täglichen
Vorkommnissen und bei der meist ausgesprochenen Reizbarkeit liegt fast
täglich Grund zum Aerger vor. Jedenfalls haben die meisten Trinker
schon oftmals solche Szenen ohne besondere Folgen durchgemacht, ehe
sie am Delirium erkrankten. Auch hören wir oft von den Kranken und
ihrer Familie, dass die Betreffenden in der letzten Zeit schlecht ge
gessen, an Magenkatarrh, mehr als sonst an Vomitus matutinus gelitten,
sich schwach gefühlt, Rheumatismus gehabt hätten und daher am Deli
rium erkrankt seien. Ich kann im Grossen und Ganzen auch diese Um
stände nicht als Veranlassung zum Delirium ansehen. Es sind eben die
Erscheinungen der chronischen Alkoholvergiftung, die im Delirium
ihren Höhepunkt erreichen, sie sind nicht Ursache, sondern Theilerschei-
nung der Gesammterkrankung. Nicht viel anders steht es oft mit den
gehäuften Trinkexcessen. Wir erfahren häufig, dass die Kranken in den
letzten Wochen und Monaten zunehmend mehr und mehr getrunken
hätten. Darin kann ich aber ebenfalls nicht die Ursache des Deliriums
erblicken. Es ist meines Erachtens vielmehr eher der Ausdruck der
zunehmenden Alkoholvergiftung, der damit sich häufenden Abstinenz
erscheinungen und das letzte Bemühen durch erhöhte Alkoholzufuhr
dieselben zu bekämpfen, ein Unterfangen, das logischer Weise im Deli
rium seinen Abschluss findet, und kurz vorher sogar nicht selten zu
einer gezwungenen Abstinenz führt, weil der Magen nichts mehr bei
sich behält, wobei aber letzteres natürlich ebenso wenig ursächlich ist,
als der vorher gesteigerte Alkoholconsum. Der geklagte Rheumatismus
erweist sich meist als Neuritis alcoholica. Dass überhaupt veränderte,
nicht verschlechterte Lebensweise, abgesehen von der damit vielleicht
verbundenen Abstinenz, an sich schon Gefahr für das Auftreten des
Delirium sein soll, scheint mir fraglich. Die Annahme Kauffmann’s,
dass gerade die Bettruhe für Trinker gefährlich sei, scheint mir durch
nichts bewiesen; jedenfalls reichen die zwei Fälle Kauffmann’s dazu
nicht aus, um einerseits nachzuweisen, dass Bettruhe das Delirium aus
löst, andererseits Beschäftigung dasselbe heilt. Wie schon angeführt,
kommen Kranke, die unmittelbar vor dem Delirium zu stehen scheinen,
allein bei Bettruhe doch des öfteren so davon, während andererseits
das Delirium manchmal mitten während der Arbeit ausbricht, so dass
der Kranke gleich von dort in’s Krankenhaus gebracht wird.
Einer besonderen Besprechung bedarf noch die Stellung des epi
leptischen Anfalls zum Ausbruch des Deliriums. Epilepsie als Folge
erscheinung des Alkoholismus ist ausserordentlich häufig und daher auch

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