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mau das Delirium als eine acute Exacerbation des chronischen Alko-
holismus, so erklären sich daraus auch die psychischen Erscheinungen,
wie sie dem Delirium eigen sind; dass dieselben nicht die gleichen sind,
liegt mit daran, dass es sich in dem einen Falle um ein chronisches
Leiden, im auderen um ein acutes Aufflackern handelt, dass mit viel
heftigeren und viel ausgesprocheneren Erscheinungen einhergeht. Wir
sehen doch auch bei anderen Psychosen, dass die Exacerbationen sich
wie Episoden in das Krankheitsbild einschieben. So kommen ja bei
der Paralyse und Paranoia Erregungs- und Verwirrtheitszustände vor,
für die hinterher sogar Krankheitseinsicht besteht, während die Psychose
als solche nicht erkannt wird und weiter fortschreitet.
Sucht man aber das Delirium sich als Exacerbation der chro
nischen Alkoholvergiftung auszulegen und sieht den Ausbruch als
den Augenblick an, in dem der Organismus den an ihn gestellten For
derungen hinsichtlich der Leistungs- und Anpassungsfähigkeit nicht mehr
gewachsen ist, so giebt es bei theoretischer Erwägung drei Möglich
keiten, in denen dies der Fall sein kann und diese stimmen mit der
klinischen Erfahrung gut überein. Zunächst werden wir diesen Ausbruch
zu erwarten haben, wenn der Körper, in erster Linie das Gehirn, die
ihm zugeführten Alkoholmengen nicht mehr bewältigen kann. Dann
sobald an die Leistungsfähigkeit des Körpers bei schon bestehender
langdauernder Alkoholvergiftung von anderer Seite erhöhte Anforde
rungen gestellt werden, wie z. B. bei den acuten Infectionskrankheiten
oder drittens wenn durch zu plötzliches Entziehen des lang gewohnten
Giftes zugleich auch der von ihm ausgeübte Reiz fortfällt. Danach
kann man unterscheiden zwischen einfachen, complicirten und so
genannten Abstinenzdelirien.
Betrachtet man die Häufigkeit der einzelnen Formen, so ist zu
nächst zu erwähnen, dass die Bedeutung der Abstinenzdelirien, wie
schon Bonhoeffer betont, früher ganz entschieden überschätzt worden
ist. Ja selbst Weruicke sieht in der plötzlichen Entziehung noch die
Ursache für die meisten Fälle.
Demgegenüber bat sich eine Gegenströmung geltend gemacht, die
die Abstinenz als auslösendes Moment ganz ausschalten möchte, Krae-
pelin hält ihr Vorkommen für nicht wahrscheinlich, auch Hasche-
Klünder glaubt, dass nicht zu beweisen sei, dass Alkoholentziehung
ein Delirium veranlassen könne. Der gleichen Ansicht sind Aufrecht (5),
Döllken, Jacobson und Krukenberg; Gerwin (45) meint sogar, es
sei ein altes Evangelium, dass Alkoholentziehung Delirium bewirken
könne. Die meisten Autoren sprechen sich aber für diese Möglichkeit
aus, so u. A. Aschaffenburg, Bonhoeffer, Griesinger, v. Krafft-

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