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kennen in verschiedenen Situationen seine Function den Bedürfnissen
und Ansprüchen gemäss zu regeln. Es wird aber dann unter Umstän
den schliesslich ein Zeitpunkt eintreten, wo die Leistungs- und Anpas
sungsfähigkeit ihr Ende erreicht und dann ein Zusammenbruch erfolgt,
bei den alkoholischen Störungen alsdann die verschiedenen Psychosen,
Delirium, Hallucinose, Korsakow etc., einsetzen. Wann dieser Augen
blick eintritt und ob er überhaupt eintritt, das hängt von manchen Um
ständen ab. Zunächst von der persönlichen Disposition. Der eine ist
widerstandsfähiger als der andere und vermag äusseren Schädigungen
länger zu trotzen. Wichtig sind jedenfalls auch die Lebensverhältnisse.
Bei Nahrungsmangel, unter ungünstigen klimatischen und gewerblichen
Verhältnissen, bei dauernden Entbehrungen und Strapazen wird die Re
sistenzkraft früher gebrochen sein, als wenn diese Schädlichkeiten fort
fallen. Dass die Erkrankung sich in verschiedenen Formen zeigen kann,
kann nicht verwundern; die individuelle Veranlagung wird darauf be
stimmend wirken und man kann sich wohl vorstellen, dass die im Gehirn
durch die Alkoholvergiftung bewirkten Veränderungen bei verschiedenen
Menschen verschieden localisirt sind, in dem Sinne, wie E. Meyer(87)
dies schon ausgeführt hat. Sehr wohl damit in Einklang steht die
klinische Erfahrung, dass bei wiederholtem Auftreten die alkoholischen
Psychosen häufig mehr und mehr ihr charakteristisches Bild ändern,
dass sich Mischformen entwickeln. Die früher noch mehr localisirten
Veränderungen im Gehirn sind unter der fortdauernden Vergiftung all
mählich allgemeiner geworden. Es ist der Einwand gemacht worden,
das Delirium könne nicht eine einfache Steigerung der chronischen Alko
holvergiftung sein, da es sich im Allgemeinen nicht an Trinkexcesse
anschliesse, auch nicht jeden Trinker treffe, und dass das klinische Bild
nicht dem der Alkoholvergiftung entspräche. Dazu ist zunächst zu be
merken, dass es sich auch nicht um eine einfache Vergiftung, d. h.
einen Rausch handelt, sondern um eine chronische. Von dem Bilde der
chronischen Alkoholintoxication zum Delirium tremens bestehen aber
fliessende Uebergänge. Die körperlichen Symptome der Trinker, wie
Magendarmkatarrh, Albuminurie, Zittern sehen wir beim Delirium in
erhöhtem Maasse auftreten, Schwitzen, Schreckhaftigkeit, ängstliches
Gefühl, Schlaflosigkeit, epileptiforme Anfälle, ja auch vereinzelte Sinnes
täuschungen können schon bei chronischer Alkoholvergiftung allein ein
treten. Manche Trinker zeigen bei ihrer Aufnahme in’s Krankenhaus
alle diese Erscheinungen in so ausgesprochener Weise, dass man sicher
den Ausbruch des Deliriums glaubt erwarten zu müssen und doch er
lebt man oft genug, dass dieses nachher nicht der Fall ist. Betrachtet

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