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Wenn dann der Stein endlich auf den Rand der Wanne gelegt, fest ge
klopft und der Mörtel zurecht gestrichen war, ging die Arbeit in der
gleichen Weise fort, ab und zu warf er das „Lot“ über den Rand der
Wanne und visirte, ob seine Mauer gerade stand, was meist nicht der
Fall war, da die Wanne nach oben breiter wurde. Er versuchte sie
dann zurechtzuriicken. Es fiel bei seinem, mehrere Stunden fortge
setzten Arbeiten auf, dass er seine vermeintliche Kelle nicht in der
vollen Hand, sondern nur mit den drei ersten Fingern gefasst hielt.
Eine diesbezügliche Frage entlockte ihm die entrüstete Aeusserung, es
sei unverantwortlich, dass der Meister so schlechtes Handwerkszeug, eine
Kelle ohne Stiel, liefere.
Die Kranken befinden sich während der Dauer des Deliriums fast
anhaltend in Rewegung, arbeitend, packend und kramend, ohne Rück
sicht, ob es Tag oder Nacht. Aggressiv werden sie in der Regel nur
unter dem Einfluss des Angstaffectes, wenn sie sich bei dem Bestreben,
der vermeintlichen Gefahr zu entgehen, gehindert sehen. Dabei kommt
es dann auch zu ganz sinnlosem, äusserst brutalem Fortdrängen, bei
dem die Kranken Selbstbeschädigungeu in keiner Weise berücksichtigen,
oder zu Gewaltthätigkeiten, zumal bei gereizten Deliranten, wenn sie in
ihrer vermeintlichen Beschäftigung oder in der freien Bewegung gestört
werden. Unter Umständen gelingt es auch, die Kranken für einige Zeit
mit leichten Handarbeiten, mit einer Zeitung oder einem Kartenspiel zu
beschäftigen. Nach Bonlioeffer bethätigen die Deliranten sich nur in
ihrem Berufe, nicht in einem andern; ich fand dies auch bei meinem
Kranken bestätigt, nur wieder mit der schon erwähnten Einschränkung,
dass einige Kranke sich in andere Situationen und Zeitabschnitte ihres
Lebens versetzt glaubten, zum Beispiel in die Militärzeit, und danach
ihr Verhalten modificirten.
Von körperlichen Erscheinungen werden wir bei Delirium
tremens zunächst die zu erwarten haben, die sich bei Trinkern über
haupt finden: wie Conjunctivitis, Pharyngitis, Gastritis, Lebervergrösse-
rung. Daneben zeigen sich aber Symptome, die für unser Krankheits
bild charakteristisch sind, zum mindesten in der hier vorliegenden Aus
bildung und die einerseits als gesteigerte Abstinenzerscheinungen, an
dererseits als directe Vergiftungserscheinungen oder Vereinigung von
beiden aufzufassen sind. Zu den ersteren wäre vor Allem der Tremor
zu rechnen, der dem ganzen Krankheitsbilde seinen Namen aufgedrückt
hat. Derselbe ist in der grossen Mehrzahl der Fälle vorhanden, am
ausgeprägtesten an Zunge und Händen, wo er ja auch bei Säufern so
oft auftritt. Meist greift er im Delirium aber auf die gesummte Kör
permuskulatur über und erreicht zuweilen einen solchen Grad, dass

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