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Die Erinnerung an das Delirium ist stets eine unvollkommene und 
lückenhafte und meist vielfach verfälscht. Es ist richtig, dass einzelne 
Szenen von den Kranken oft sehr genau wiedergegeben werden, andere 
fehlen ihnen dagegen völlig. Selbst wo es zunächst den Anschein hat, 
dass die Erinnerung eine gute ist, ergiebt genaueres Nachforschen sehr 
bald die Lücken und Fälschungen. Die gleichen Beobachtungen haben 
Bonhoeffer und Kraepelin gemacht, sie heben ebenfalls hervor, dass 
unmittelbar nach dem Delirium die Erinnerung am besten sei, dann 
aber bald abblasse, was ich bei meinen Kranken bestätigt fand. Dass 
sich zuweilen die anfangs defecte Erinnerung nach und nach erholt, 
wie Schüle (119) annimmt, habe ich nicht feststellen können. Völlige 
oder fast völlige Amnesie soll vorwiegend bei Epileptikern sich ein 
stellen. Bei meinen Kranken waren bei denen mit fast völlig fehlender 
Erinnerung fast ebenso viele Epileptiker, wie Nichtepileptiker, unter 
letzteren allerdings auch solche, die besonders schwere Trinker waren 
und schon früher Delirium durchgemacht hatten. 
Bei der grossen Suggestibilität und Ablenkbarkeit, deren schon 
weiter oben gedacht wurde, sind die Deliranten nur sehr unvoll 
kommen im Stande, sich auf ein bestimmtes Thema zu con- 
centrireu und dasselbe in logischer Weise durchzudenken. 
Ihre Erzählungen sind meist mehr oder weniger confus und ungeordnet 
und schweifen vom ursprünglichen Ziel ab. Es wird dadurch eine 
Correctur der Wahnideen und Sinnestäuschungen verhindert 
und wir sehen daher die Patienten selbst den widersinnigsten Halluci- 
nationen ganz kritiklos gegenüberstehen. Macht man sie auf das Sinn 
lose und Unmögliche aufmerksam, so erhält man höchstens das Zuge- 
ständniss, dass dies allerdings sehr merkwürdig und kaum glaublich sei, 
ein wirklicher Zweifel an der Richtigkeit taucht aber auf der Höhe des 
Deliriums nicht auf, die Kranken sind vielmehr noch bemüht, irgend 
eine Erklärung zu geben, die oft ebenso unsinnig ist oder in keinem 
Zusammenhang steht. So wird zum Beispiel der Arzt ganz richtig er 
kannt und bezeichnet, der Kranke weiss, dass er ihn aus der Klinik 
kennt, es setzt, ihn aber nicht im Geringsten in Erstaunen, dass derselbe 
im weissen Mantel auf dem Gericht ist, wo der Patient zu sein glaubt. 
Oder er behauptet in der Wirthsstube zu sitzen, es stört ihn aber dabei 
nicht, dass überall Betten stehen, in denen Kranke liegen, „das ist jetzt 
so eingerichtet, damit man sich gleich etwas ausruhen kann“. Auf die 
Frage, warum er ohne Hosen auf seinem Arbeitsplatz sei, erwidert er 
„ich gehe immer ohne Hosen zur Arbeit“. 
Wie die Unfähigkeit der Deliranten, sich zu concentriren und eine 
längere Gedankenreihe logisch zu verfolgen, eine grosse Urtheils-
	        

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