14 
lange fesseln kann, wie unter anderen Wernicke annimmt, trifft sicher 
nur für einen beschränkten Theil der Fälle zu. Als eine Folge der ge 
ringen Aufmerksamkeit ist auch zu betrachten, dass die Patienten An 
reden häufig ganz falsch verstehen, sowie dass die meisten nicht im 
Stande sind, richtig zu lesen, sondern sich verlesen, und bald fortlassen 
und bald beliebig dazuthun. Bei einer Reihe von Deliranten habe ich 
Versuche mit dem Tachistoskop angestellt. Bei einigen war es nicht 
möglich, die Aufmerksamkeit soweit und solange zu fesseln, wie erfor 
derlich war, um den Versuch überhaupt auszuführen. Andere waren 
dagegen sehr eifrig bei der Untersuchung. Zusammenstellungen von Buch 
staben und längere Zahlen erwiesen sich im Allgemeinen als unbrauch 
bar, da die Deliranten davon fast nichts auffassten. Bessere Resultate 
wurden mit kleinen einfachen Bildern, wie Rad, Leiter, Hund erzielt. 
Während aber, wie Controllversuche ergaben, von Gesunden diese Bilder 
fast ausnahmslos richtig erkannt wurden, zeigten die Deliranten grosse 
Neigung dieselben zu verwechseln. Besonders wenn mehrere Gegen 
stände oder Thiere auf einem Bilde waren, sahen die Kranken etwas 
ganz anderes, auch gaben einige an, auf einem leeren Blatt etwas ge 
sehen zu haben, während sie bei längerem Zusehen den Irrthum er 
kannten und dann auch fast ausnahmslos die Bilder richtig benannten. 
Worte wurden fast stets falsch gelesen. 
Auch bei dieser Art der Untersuchung liess sich feststellen, dass 
der Grad der Aufmerksamkeitsstörung ausserordentlich bei verschiedenen 
Deliranten schwankt. 
Hand in Hand mit dem Mangel an Aufmerksamkeit und der da 
durch bedingten schlechten und verkehrten Auffassung der Aussendinge 
geht eine grosse Schwäche der Merkfähigkeit. Die Kranken haben oft 
schon nach wenigen Augenblicken vergessen, was man gerade vorher 
mit ihnen gesprochen, eine Zahl, die sie behalten sollen, haftet meist 
nur für ganze kurze Zeit, oft weiss der Kranke nur wenige Minuten 
später überhaupt nicht mehr, dass von einer Zahl die Rede gewesen 
ist. Die Folge davon ist, dass in der Erinnerung für das Delirium ge 
waltige Lücken entstehen, die von den Kranken, die im Gespräch meist 
einen ganz attenten Eindruck machen und um eine Antwort nicht ver 
legen sind, durch beliebige Confabulationen ausgefüllt werden, wie wir 
dies ja auch bei der Korsakow’schen Psychose mit ihrem Defect der 
Merkfähigkeit sehen. Nicht selten kann man beobachten, dass bei dem 
Kranken die Erinnerung an die ärztlichen Untersuchungen, an Vorstel 
lungen in der klinischen Vorlesung, kurz an Vorgänge, während derer 
man ihre Aufmerksamkeit besonders erweckt hat, besser haften bleiben, 
wenn auch hierbei Thatsächlicbes mit Confabulirtem sich häufig mischt.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.