7
aufgeschnitten, die Zähne fallen aus dem Munde und kommen in den
Hals. Ausserordentlich typisch für Deliranten ist der Griff nach der
Mütze, sobald man sie begrüsst. Ein Patient gab nachher auch an, er
habe stets das Gefühl gehabt, als ob er einen Hut auf dem Kopfe habe.
Täuschungen des Muskel- und Lagegefühls ebenso wie des
Temperatursinns sind nach Bonhoeffer (12) nur selten, werden aber
doch gelegentlich beobachtet. Die Kranken werden mit dem Bett hoch
gezogen, die Badewanne wird geschaukelt, sie schweben über Abgründen
und stürzen hinab. Ein Kranker behauptete, das Bad sei so heiss, dass
ihm das Fleisch von den Knochen gehe, während es thatsächlich nur
34° C. hatte; ein anderer glaubte neben einem Dampfkessel zu liegen
und sagte, er könne es vor Hitze nicht mehr aushalten.
Vielleicht nicht ganz so häufig wie die Sinnestäuschungen des
Allgemeingefühls sind die des Gehörs, die vor Allem im Vorsta
dium und im Beginn des Deliriums am ausgeprägtesten zu sein pflegen.
Nach Liepmann sind sie sicher in 40 pCt. der Fälle vorhanden. Ich
glaube noch eine etwas höhere Procentzahl annehmen zu können. Wenn
man alle die mitrechnet, bei denen überhaupt, wenn auch nur vereinzelt
Acoasmen auftreten, einschliesslich des Vorstadiums, so sind Gehörs
täuschungen wohl bei der Hälfte nachweisbar. Auch während des gan
zen Verlaufs können sie auftreten, häufig unbestimmter Art, oft deutlich
ausgeprägt. Die Kranken berichten von Geräuschen, Sausen, Poltern,
Lärm, Trommeln, Pfeifen, Schiessen, Signalen, Knarren, Klopfen an’s
Fenster, Geklapper von Cigarrenkisten, aber auch über Stimmen, manch
mal undeutlich und verschwommen, bald aber gut verständlich und dann
meist unangenehmen Inhalts, Drohungen, Beschimpfungen, Ankündigung
der nahe bervorstehenden Verhaftung, Hinrichtung und dergleichen, oder
die Frau verlangt Hülfe gegen fremde Männer, oder schimpft auf ihn,
„Lump, Säufer, du hast das Delirium“ oder die Stimme der Kinder
wird vernommen. Zuweilen wird der eigene Name gerufen, oder ein
Auftrag ertheilt; der Wirth hört seine Gäste nach Bier rufen, Bekannte
unterhalten sich, meist über ihn; einer sagt, „er ist todt, er kommt
nicht mehr hoch“ ein anderer, „er ist schuld daran, der Lump, er ist
„duhn““, ein Dritter aber meint, „es ist schade um ihn, er war ein
guter Kerl“. Oft wird Musik gehört, die Marine spielt den Parade
march, die Wacht am Rhein, es wird ein Ständchen gebracht, „was wir
in Kiel schöne Musik haben“, „Cavalleria rusticaua“, der Kirchenchor singt,
die Drossel pfeift, dann wieder singt die ganze Nachbarschaft Spott
lieder auf ihn, deren Text er entrüstet wiederholt. Oft antwortet der
Kranke auf die Vorwürfe oder unterhält sich mit seiner Familie oder
seinen Kameraden, die er sprechen hört.

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.