Einleitung.
Eine Übersicht über die Entwicklung der Bibelkritik, sofern sie
sich mit der Ordnung und Einteilung des überlieferten Handschriften
materials in Recensionen beschäftigt, über die Entwicklung der
Quellenkritik, speziell desjenigen Zweiges, der die gotische Bibel zum
Untersuchungsobjekt hat, sowie die zugehörige Literatur namentlich
seit Beginn des 19. Jahrhunderts hat Kauffmann in der „Zeitschrift
für deutsche Philologie“ 29, 306 ff. gegeben. Es zeigt sich darnach
in den Ansichten der wissenschaftlichen Autoritäten durchweg ein
Schwanken in dreifacher Beziehung.
1. Während man darin einig ist, dass der gotische Übersetzer
als Hauptquelle einen griechischen Text benutzt habe, sind
die Ansichten über die Frage, welche der vorhandenen Hand
schriftengruppen als diese Quelle anzusehen sei, sehr geteilt.
2. Eine weitere Meinungsverschiedenheit bezieht sich auf die
Erklärung der allgemein zugestandenen Übereinstimmung
der gotischen Übersetzung in gewissen Elementen mit la
teinischen Versionen trotz der ad 1) konstatierten Tatsache.
Bald sieht man den Grund dafür in prinzipieller Mitbenutzung
lateinischer Handschriften vonseiten des ersten Übersetzers,
bald in einer späteren Überarbeitung zu einer Zeit, wo die
Goten in Italien zur Herrschaft gelangt waren. Schliesslich
ist auch die meines Wissens bisher nicht genügend geltend
gemachte Möglichkeit nicht ausser Acht gelassen, dass
eine ursprüngliche Verwandtschaft zwischen den in Betracht
kommenden lateinischen Versionen und der Quelle des
Wulfila vorhanden sei. 1 )
3. Endlich harrte bislang einer endgültigen Entscheidung die
Frage, ob das Werk Wulfilas als eine Übersetzung anzusehen
*) Zur Geschichte dieses Problems vgl. noch C. Marold, Germania 26,129 ff.

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