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Wenn nun Bernhardt diese Sonderstellung des Luc.-Ev. dadurch
erklärt, dass die Textform, wie sie der Cod. arg. in Luc. 1
bis 10 enthält, aus einer anderen Handschrift stammen
müsse, so können wir diese Annahme mil voller Zuversicht zu
unserer eigenen machen. Denn die oben gegebene Liste der la
teinischen Lesarten des Lucas im Cod. arg. bestätigt sie völlig. Alle
irgend bedeutenden und dabei sicher auf lateinischen Einfluss zurück
zuführenden Lesarten befinden sich wirklich in den zehn ersten Ca-
piteln des Lucas (vgl. die Überschrift des Evangeliums, ferner:
Luc. I, 3. 29. 63; II, 2. 22; IV, 7. S. S. 131 ff.). Wenn ein
Rückschluss aus dieser These erlaubt ist, kann man sagen, dass der
Zweifel an der lateinischen Abkunft einiger scheinbar aus lateinischen
Quellen herzuleitender Lesarten in Capitel 14—20 des Lucas neue
Nahrung erhält. Eine Betrachtung jener lateinischen Lesarten führt
uns noch einen Schritt weiter. Der Codex Brixianus hat, wie gezeigt,
einige der aus dem Lateinischen stammenden Lesarten mit dem
gotischen Text gemeinsam — aus ihm übernommen, dürfen wir jetzt
sagen. Andere fehlen ihm, hat der Cod. arg. allein. 1 )
Da es wegen des geringen zeitlichen Abstandes, der die kritische
Ausgabe Sunjas und Frifnlas von der Originalübersetzung Wulfilas
trennt, sehr unwahrscheinlich ist, dass schon vor der Herstellung
der beiden Paralleltexte lateinische Lesarten in den gotischen Text
eindrangen, ist doch erst in jenem Werke mit der kritischen Ver
gleichung und Glossierung des Textes begonnen worden, so müssen
wir, um dies Verhältnis von f zum Cod. arg. zu verstehen,
mindestens noch eine weitere Etappe in der gotischen
Textgeschichte annehmen. Man beachte nur die Verhältnisse in
dem besonders instruktiven Vers I, 29. Mit dem gotischen
Text teilt f die Veränderungen in der Überschrift, in Cap. I, 29 b;
II, 4 (?); NX, 37; ferner II, 8. 14; XIV, 28; dagegen zeigt der
gotische Text allein die Veränderungen in den übrigen Stellen:
I, 3. 29a. 63; II, 2. 22; IV, 7; VI, 17; VIII, 1; IX, 43; XV, 31;
XIX, 7; ferner II, 7; IX, 50.
§ 53. Die Entwicklungsstufen der gotischen Text-Über
lieferung. Wir haben uns demnach die Entwicklung des go
tischen Textes so zu denken, dass nach der Herstellung der
kritischen editio Sunjas und FriJHlas von dieser eine Ab-
J) Diese letzteren verteilen sich samt und sonders auf die 10 ersten Capitel
(vgl. Luc. I, 3. 29a. 63; II, 2. 22; IV, 7. 41; VI, 17; VIII, 1).

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