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ergriffen hat, hat er sein Ziel erreicht, wenn er uns zum
Glauben verleitet hat, er habe uns das Ganze gezeichnet.
Diesen Glauben vermag er mit einer mäßigen Anzahl von
Zügen in uns hervorzubringen.“ (Stilges. S. 223.) So wird
der Dichter durch die Natur seines Mittels für die Darstellung
der körperlichen Erscheinung seiner Gestalten auf die we
sentlichen, das Bild konstituierenden Züge des Gestaltenbildes
hingewiesen und in der Auswahl und Verwendung der Teile,
wofür sich bei Storm bestimmte Richtlinien ziehen lassen,
muß sich eine wichtige Seite dichterischer Anschauung
offenbaren. Diese Technik der Auflösung in Teile kann
bei geschickter Handhabung zu einer Quelle höchster künstle
rischer Wirkungen werden. Sehen wir uns die schönsten
Szenen bei Storm daraufhin an, z. B. die Tanzszenen, so
finden wir, daß der Dichter den Zauber der Wirkung einmal
dadurch erreicht, daß er die Gestalten in Bewegung setzt,
dann aber dadurch, daß er das ganze, scheinbar so „an
schauliche“ Bild nur aus einigen wenigen aber charakter
istischen Teilen konstruiert; diesen verleiht er dabei gleich
sam ein eigenes selbständiges Leben, ja die lebendige Seele
scheint in diese Teile geflogen, und dieses in wenige Punkte
konzentrierte Leben läßt uns den Pulsschlag der Gestalt
um so kräftiger spüren:
„aber während ihre Gedanken weit entrückt schie
nen lächelte ihr Mund, und ihre kleinen Füße streiften
lautlos und spielend über den Boden.“ („A. d. U.“ S. 95);
oder: „mit welcher Verachtung stampften die
kleinen Füße den Boden . .“ (ebd. S. 97.)
Schöne oder charakteristische Körperlichkeit kann ein
mal von der rein sinnlichen Seite, nur im Reize ihrer äußeren
Beschaffenheit aufgefaßt werden, sie kann aber auch — in
bestimmten Grenzen — als Ausdruck und Spiegel psychischer
Eigenschaften und Vorgänge behandelt werden. In der
Dichtung ist sowohl das eine wie das andere für sich, als

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